Die unterschätzte Stellschraube
Kommunale Schulden werden selten aktiv gesteuert. Sie entstehen durch Investitionen und Kassenkredite, sie werden bedient — und das war es. Eine strategische Auseinandersetzung mit Zinsbindung, Laufzeitstruktur und Umschuldungsoptionen findet in den meisten Kämmereien nicht statt.
Das ist ein teurer Fehler. Kommunen mit Gesamtverbindlichkeiten von 50–500 Millionen Euro lassen durch passives Schuldenmanagement jährlich Hunderttausende Euro liegen — in Form zu hoher Zinsen, suboptimaler Laufzeiten oder verpasster Umschuldungsfenster.
Dieser Artikel gibt einen Überblick, was aktives kommunales Schuldenmanagement bedeutet und was konkret getan werden kann.
Bestandsaufnahme: Was haben wir?
Der erste Schritt ist eine vollständige Schuldenübersicht. Klingt selbstverständlich — ist es in vielen Kommunen nicht.
Was erfasst werden muss:
| Position | Was zu wissen ist |
|---|---|
| Investitionskredite | Gläubiger, Betrag, Zinssatz, Zinsbindungsende, Laufzeit |
| Kassenkredite | Höhe, Zinssatz, Kündigungsfristen |
| Bürgschaften | Betrag, Begünstigter, Risikoeinschätzung |
| Pensionsrückstellungen | Barwert, jährlicher Anstieg |
| Verbindlichkeiten aus PPP | Vertragslaufzeit, Zahlungsstruktur |
Diese Übersicht sollte in der Kämmerei jederzeit aktuell vorliegen — nicht nur zum Jahresabschluss.
Die drei wichtigsten Handlungsfelder
1. Zinsbindungsmanagement
Der häufigste Fehler im kommunalen Schuldenportfolio: alle Kredite laufen gleichzeitig aus. Das bedeutet Refinanzierungsrisiko in einem einzigen Jahr — wenn dann das Zinsniveau ungünstig ist, ist der Schaden groß.
Was gutes Management tut: Laufzeiten staffeln. Zinsbindungen so verteilen, dass jedes Jahr nur ein Teil des Portfolios refinanziert werden muss. Das glättet das Zinsrisiko über Zeit.
Praktische Umsetzung:
- Alle Zinsbindungsenden der nächsten 10 Jahre in einer Tabelle darstellen
- Cluster erkennen (zu viele Fälligkeiten in einem Jahr)
- Bei Neuabschlüssen gezielt andere Laufzeiten wählen
2. Kassenkredite strukturieren
Kassenkredite sind teuer — und in vielen Kommunen zur Dauerfinanzierung geworden. Das ist strukturell problematisch, weil Kassenkredite variabel verzinst sind und damit unmittelbar von Zinssteigerungen betroffen.
Was getan werden kann:
- Kassenkredite soweit möglich in langfristige Investitionskredite umwandeln (erfordert Genehmigung der Kommunalaufsicht, ist aber möglich)
- Bei verbleibenden Kassenkrediten: Konditionen aktiv vergleichen — kommunale Kassenkredite werden von verschiedenen Banken zu unterschiedlichen Konditionen angeboten
- Spitzenbedarfe über Kreditlinien statt Kassenkredite abdecken
Zinsdifferenz: Zwischen dem günstigsten und teuersten Angebot für kommunale Kassenkredite liegen regelmäßig 30–80 Basispunkte. Bei 20 Millionen Euro Kassenkreditbestand sind das 60.000–160.000 Euro Unterschied pro Jahr.
3. Umschuldungsoptionen prüfen
Wenn Kredite zu hohen Zinsen auslaufen und das aktuelle Niveau günstiger ist, lohnt sich Umschuldung. Wenn bestehende Kredite Sonderkündigungsrechte haben, lohnt sich aktive Prüfung.
Was zu prüfen ist:
- Sonderkündigungsrechte in bestehenden Kreditverträgen (oft vorhanden, selten genutzt)
- Vorfälligkeitsentschädigungen vs. Zinseinsparung — ab wann lohnt sich Umschuldung?
- Forward-Darlehen bei erwarteten Zinsveränderungen
Was kommunale Kreditnehmer verhandeln können
Viele Kommunen nehmen Kreditangebote an, ohne zu verhandeln. Das ist unnötig — Kommunen sind aus Bankensicht sehr attraktive Kreditnehmer (kein Insolvenzrisiko, staatliche Bonität). Das gibt Verhandlungsspielraum.
Was verhandelbar ist:
- Zinssatz (Spread über Referenzzins)
- Bearbeitungsgebühren
- Sondertilgungsrechte
- Zinsbindungsdauer
- Bereitstellungsprovision
Empfehlung: Für Kredite ab 1 Million Euro immer mindestens drei Angebote einholen — und aktiv nachverhandeln. Der Unterschied zwischen erstem Angebot und verhandeltem Ergebnis beträgt regelmäßig 10–30 Basispunkte.
Wann externe Beratung sinnvoll ist
Für kleine Kämmereien ohne spezialisiertes Personal kann externe Beratung beim Schuldenmanagement sinnvoll sein — aber nur unter bestimmten Bedingungen:
Sinnvoll: Einmaliger Portfolio-Check, der konkrete Handlungsempfehlungen liefert. Vergütung als Pauschalhonorar, nicht erfolgsabhängig.
Nicht sinnvoll: Dauerhaftes Beratungsmandat für laufendes Schuldenmanagement. Das ist Kernaufgabe der Kämmerei und sollte intern aufgebaut werden.
Achtung: Kreditvermittler, die im Auftrag der Bank beraten, haben Interessenkonflikte. Neutrale Beratung kommt von Beratern, die ausschließlich im Auftrag der Kommune tätig sind.
Fazit
Kommunales Schuldenmanagement ist kein Luxus für große Städte. Jede Kommune mit mehr als 10 Millionen Euro Verbindlichkeiten sollte aktiv steuern — mit einer aktuellen Schuldenübersicht, einer Laufzeitstruktur-Analyse und einem jährlichen Konditionenvergleich für Kassenkredite.
Der Aufwand ist überschaubar. Das Einsparpotenzial ist erheblich.