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Wohnungslosigkeit: Prävention spart das Dreifache von Reaktion

Wohnungslosigkeit kostet Kommunen 60–120 € pro Person und Nacht. Prävention kostet 500–2.000 € pro verhinderten Fall. Die Rechnung ist eindeutig — und wird in den meisten Kommunen trotzdem nicht gemacht.

Redaktion  ·  2026-06-17  ·  7 Minuten Lesezeit

Die Zahlen die niemand nennen will

Wohnungslosigkeit ist in der kommunalen Diskussion ein sozialpolitisches Thema. In der Haushaltsperspektive ist es eines der teuersten kommunalen Probleme — und eines der am schlechtesten gesteuerten.

Was ein wohnungsloser Mensch die Kommune kostet:

UnterbringungsformKosten/Person/NachtKosten/Jahr
Notunterkunft40–80 €14.600–29.200 €
Stationäres Wohnheim60–120 €21.900–43.800 €
Ambulant betreutes Wohnen15–25 €5.475–9.125 €
Präventive Mietschuldenübernahmeeinmalig1.000–4.000 €

Die Konsequenz ist mathematisch: Eine verhinderte Notunterkunft-Einweisung spart — je nach Aufenthaltsdauer — das 5–20-fache der Präventionskosten.


Warum das so selten gemacht wird

Das Ressort-Problem

Prävention liegt oft beim Sozialamt oder einem Wohnhilfe-Träger. Die Kosten für Notunterkünfte trägt der Kämmerer. Die Steuerungsverantwortung liegt damit in verschiedenen Ressorts — ohne systematischen Anreiz zur Zusammenarbeit.

Das Daten-Problem

Wer ist in den nächsten drei Monaten von Wohnungsverlust bedroht? Diese Frage können die meisten Kommunen nicht belastbar beantworten. Die Signale sind verteilt auf:

Kein System, das diese Signale zusammenführt. Deshalb wird reagiert, wenn jemand auf der Straße steht — nicht sechs Monate vorher.


Das Frühwarnsystem: Drei Datenquellen die Leben und Geld sparen

Signal 1: Mietschulden beim Sozialamt
Das Sozialamt erfährt von Mietrückständen, wenn Betroffene Hilfe suchen. Proaktive Outreach-Programme — aktiv auf Personen zugehen sobald Mietrückstände bekannt werden — können Räumungen verhindern.

Signal 2: Kooperation mit städtischen Wohnungsbaugesellschaften
Kommunale Wohnungsunternehmen wissen früh, wer mit Miete in Rückstand gerät. Datenvereinbarungen ermöglichen frühzeitige Interventionen — lange bevor eine Räumungsklage eingereicht wird.

Signal 3: Entlassungsmanagement aus Institutionen
Ein erheblicher Teil der Wohnungslosen kommt aus Haft, Krankenhaus oder Psychiatrie — ohne Wohnanschluss. Strukturiertes Entlassungsmanagement mit Wohnraumsicherung vorher verhindert die teure Notunterbringung danach.


Der Drehtür-Effekt und wie man ihn bricht

35–40 % der Personen in Notunterkünften kehren innerhalb von 6 Monaten zurück. Das ist der teuerste Teil des Systems: dieselben Menschen, immer wieder, ohne nachhaltige Stabilisierung.

Was Drehtür-Effekte verursacht:

Was ihn bricht:

Die Studienlage ist eindeutig: Housing First kostet initial mehr — spart aber innerhalb von 2 Jahren erheblich durch vermiedene Notunterbringungen, Polizeieinsätze und Krankenhausaufenthalte.


Was Kommunen sofort tun können

  1. Kosten erfassen: Was gibt die Gemeinde tatsächlich für Wohnungslosigkeit aus? Inklusive Sozialarbeit, Ordnungsamt, Verwaltung — nicht nur Unterkunftskosten.

  2. Präventionsquote messen: Wie viele Räumungen werden verhindert? Wie viele hätten verhindert werden können?

  3. Frühwarndaten zusammenführen: Vereinbarung mit städtischer Wohnungsbaugesellschaft und Jobcenter über Datenweitergabe bei Mietrückständen.

  4. Housing First für chronisch Wohnungslose: Nicht für alle — aber für die 10–15 % mit den längsten und teuersten Karrieren im System.