Wenn eine kommunale Klinik rote Zahlen schreibt, landet die Rechnung im Haushalt: als Verlustausgleich, als Bürgschaft oder über eine höhere Kreisumlage. Zwei Drittel der Krankenhäuser in Deutschland meldeten für 2024 Verluste [1]. Das Krankenhaus Rating Report 2026 erwartet bis 2030 bei rund 70 Prozent der Kliniken einen Jahresverlust und stuft rund 400 Standorte mittelfristig als existenzbedroht ein. 22 Prozent der kommunalen Häuser haben demnach einen Träger, dessen Verschuldung einen dauerhaften Betrieb kaum noch trägt [2].
Wie schnell sich das zuspitzt, zeigt Baden-Württemberg. Die Krankenhausgesellschaft des Landes beziffert das Defizit für 2026 auf 880 Millionen Euro und erwartet für 2027 rund 1,65 Milliarden Euro [3]. Der Gemeindetag verweist dort auf die Folgen für Städte und Gemeinden: höhere Kreisumlagen wegen defizitärer Kreiskliniken [3]. Auch der Spielraum der Träger selbst hat Grenzen: Haushaltslage und EU-Beihilferecht setzen dem Verlustausgleich Schranken [4].
Warum die Sanierung beim Personal ankommt
Personal ist der größte Kostenblock einer Klinik, und die Refinanzierung wird enger. Mit dem vom Bundesrat im Juli 2026 gebilligten Beitragssatzstabilisierungsgesetz wird das Pflegebudget ab 2027 am Vorjahresbudget fortgeschrieben und darf nur noch um den Veränderungswert wachsen. Mehrkosten gegenüber dem Budget tragen die Häuser künftig selbst [5].
Der Rating Report nennt die Größenordnung: Um die Verluste auszugleichen, müssten die Kliniken bis 2030 rund 8,5 Prozent der Vollzeitstellen außerhalb der Pflege abbauen, mit dem stärksten Schritt im Jahr 2027 [2]. Der Hebel liegt also vor allem dort, wo Stellen nicht unmittelbar am Bett gebunden sind: in Verwaltung, Service und Logistik sowie in Doppelstrukturen, die entstehen, wenn Standorte zusammengelegt werden. Pflegepersonaluntergrenzen, Notfallversorgung und Facharztstandards ziehen die Grenze dessen, was verfügbar ist.
Für die Kämmerei zählt dabei die Zeit. Ein Rechenbeispiel mit einer angenommenen Vollkostenrate von 65.000 Euro je Stelle: 100 Stellen entsprechen 6,5 Millionen Euro im Jahr. Jeder Monat, um den der Umbau später wirkt, kostet in diesem Beispiel rund 540.000 Euro.
Die sozialverträgliche Reihenfolge
Wie ein Umbau ohne Kündigungswelle aussieht, beschreiben aktuelle Sanierungsprogramme. Die Kliniken Südostbayern wollen rund 70 Vollzeitstellen über auslaufende Befristungen, natürliche Fluktuation und freiwillige Programme abbauen; betriebsbedingte Kündigungen sollen möglichst vermieden werden [6]. Daraus ergibt sich eine bewährte Reihenfolge:
- Vakanzen prüfen: Unbesetzte Stellen sind der schnellste Beitrag.
- Ruhestand und Fluktuation planen: Die Abgänge lassen sich je Bereich über Jahre vorausrechnen.
- Befristungen auswerten: Auslaufende Verträge schaffen kurzfristig Spielraum.
- Umsetzen und qualifizieren: Beschäftigte wechseln in Bereiche mit Bedarf.
- Freiwilligenprogramme gezielt einsetzen: Sie schließen die verbleibende Lücke, mit klarer Rechnung zu Kosten und Amortisation.
Entscheidend ist die Frage, die davor steht: Wie weit tragen die ersten vier Schritte, und wann? Erst die Antwort zeigt, wie groß die Restlücke ist. Arbeitnehmervertretung und Geschäftsführung gewinnen damit eine gemeinsame Zahlengrundlage, und Gesellschafter und Rat sehen früh, was der Umbau leistet.
Stellengenau statt pauschal: Steuerungsintelligenz
Pauschale Quoten treffen oft die Falschen. Wer breit kürzt, riskiert, dass gerade die gesuchten Fachkräfte gehen, weil sie ihre Zukunft im Haus für ungewiss halten. Die DerArztPlus AG setzt deshalb auf Steuerungsintelligenz: Aus den vorhandenen Personal- und Stellenplandaten entsteht ein Bild jeder einzelnen Stelle.
Dafür genügt ein pseudonymisierter Export mit Angaben wie Standort, Fachabteilung, Berufsgruppe, Tarifgruppe, Stellenanteil, Geburts- und Eintrittsjahr. Betrachtet werden Stellen, nicht Personen; Namen, Leistungs- und Gesundheitsdaten bleiben außen vor. Das Ergebnis:
- ein Pfad je Jahr, Standort und Berufsgruppe über Vakanzen, Ruhestand, Fluktuation und Umsetzung, gerechnet in mehreren Szenarien
- die bezifferte Restlücke samt Rechnung eines freiwilligen Programms
- der Ausweis geschützter Stellen als Nachweis der Versorgungssicherheit gegenüber Gremien und Öffentlichkeit
- ein laufender Soll-Ist-Abgleich für Aufsichtsrat und Träger
Die Mitbestimmung gehört von Anfang an dazu: Die Arbeitnehmervertretung wird früh informiert, für den dauerhaften Einsatz sieht das Verfahren eine Betriebsvereinbarung vor.
Fünf Fragen an die Geschäftsführung
Wer als Gesellschafter einen Verlustausgleich mitträgt, braucht belastbare Antworten. Diese fünf Fragen helfen vor der nächsten Gremiensitzung:
- Wie viele Stellen werden bis wann frei, je Standort und Berufsgruppe?
- Welcher Anteil des Sanierungsziels ist über Ruhestand und Fluktuation erreichbar?
- Wie hoch ist die Restlücke, und was kostet ihr Schließen?
- Welche Stellen sind geschützt, und wie wird das nachgewiesen?
- Wie erfährt der Träger im laufenden Jahr, ob der Pfad gehalten wird?
Über den Partner
Die DerArztPlus AG, Dresden, berät Einrichtungen des Gesundheitswesens und begleitet Veränderungsprozesse in Praxen und Kliniken. Ansprechpartner ist der Vorstand Oliver Krenzer: derarztplus.com, info@derarztplus.com.
Transparenzhinweis: Das eingesetzte Analysewerkzeug ASCEND stammt von der HAKO Beteiligungsgesellschaft mbH, der Herausgeberin von Der Kämmerer. Chefredakteur Michael G. Kosel ist zugleich Aufsichtsratsvorsitzender der DerArztPlus AG. Mehr zur Steuerungsintelligenz: ascend.hako.team.
Quellen
- 66 Prozent der Krankenhäuser machen Verluste – Pharmazeutische Zeitung, zum Krankenhaus-Barometer von DKI/DKG – 6. Januar 2026
- Krankenhaus Rating Report 2026: Insolvenzen und Rating – AOK Gesundheit und Gesellschaft – Juni 2026
- Massiv steigende Krankenhausdefizite durch Beitragssatzstabilisierungsgesetz – Gemeinsame Pressemitteilung von BWKG, Landkreistag, Städtetag und Gemeindetag Baden-Württemberg – 10. Juli 2026
- Krankenhäuser unter Druck: Finanzierungslücken und neue Wege der Stabilisierung – Rödl – 27. November 2025
- GKV-Finanzreform: Bedeutung für Krankenhäuser – Rödl – 15. Juli 2026
- Kliniken Südostbayern AG: Sparkurs und Personalabbau – myDRG – 14. August 2026