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13. Oktober 2026

Gewerbesteuer-Einbruch 2026: Welche Städte Millionen verlieren – Arnsberg minus 26 Mio. €

Arnsberg 48 statt 74 Mio. €, Jena rund 20 Mio. € unter Plan, Leuna minus 79,5 %: Welche Städte 2026 Gewerbesteuer verlieren – Liste und Handlungspunkte.

Redaktion  ·  2026-10-13  ·  7 Minuten Lesezeit

Bundesweit ein kleines Minus, vor Ort ein Einbruch

Auf Bundesebene sieht der Rückgang beherrschbar aus. Die Gewerbesteuer der Gemeinden und Gemeindeverbände sank im ersten Halbjahr 2026 netto um 2,0 Prozent auf 30,8 Milliarden Euro [1]. Weil der Gemeindeanteil an der Umsatzsteuer um 26,9 Prozent auf 3,3 Milliarden Euro zulegte, die Grundsteuer um 4,1 Prozent auf 7,5 Milliarden Euro und der Einkommensteueranteil um 0,5 Prozent auf 14,7 Milliarden Euro, stiegen die kommunalen Steuereinnahmen insgesamt sogar leicht, um 0,9 Prozent auf 57,3 Milliarden Euro [1].

Nur hilft dieser Durchschnitt keiner einzelnen Kämmerei. Die Gewerbesteuer ist die einzige große Steuer, die eine Kommune unmittelbar an die Gewinne der Unternehmen am Ort koppelt. Fällt ein großer Zahler aus, gibt es keinen Ausgleich durch andere Städte. Was sich bundesweit als Minus von zwei Prozent zeigt, ist in einzelnen Rathäusern ein Ausfall von einem Drittel des Planansatzes.

Am deutlichsten zeigt das Sachsen-Anhalt. Dort fiel die Gewerbesteuer im ersten Quartal 2026 landesweit um 11,2 Prozent auf 268,5 Millionen Euro, bei den 215 kreisangehörigen Gemeinden sogar um 21,5 Prozent [2]. Den größten Rückgang meldete der Chemiestandort Leuna: minus 21,7 Millionen Euro, das sind 79,5 Prozent [2]. Gleichzeitig legte Halle (Saale) um 67,9 Prozent zu, nach einer Anhebung des Hebesatzes um 20 Prozentpunkte [2]. Die Zahlen zeigen, wie stark die Ergebnisse innerhalb eines Landes auseinanderlaufen.


Welche Städte 2026 Gewerbesteuer verlieren

Die folgende Übersicht stellt Fälle zusammen, in denen Verwaltungen oder Lokalmedien eine konkrete Abweichung vom Planansatz 2026 belegen. Die Werte sind Hochrechnungen zu unterschiedlichen Stichtagen und können sich bis zum Jahresabschluss verschieben.

Gewerbesteuer 2026: Abweichungen vom Plan (Auswahl, Stand 13. Oktober 2026)
  • Arnsberg (NRW): Hochrechnung rund 48 statt 74 Mio. €, Minderertrag rund 26 Mio. €; Haushaltssperre seit 03.09.2026 [5]
  • Ludwigsburg (BW): erwartet 85 statt 105 Mio. €, mindestens 20 Mio. € weniger; Haushaltssperre (Stand Februar 2026) [6]
  • Jena (TH): rund 20 Mio. € unter Plan; wie schon 2025 Haushaltssperre [7]
  • Bergisch Gladbach (NRW): 63 statt 75 Mio. €, Defizit steigt auf fast 60 Mio. € [8]
  • Bernburg (Saale) (ST): Plan rund 26 Mio. €, Minus von rund 9 Mio. €; Haushaltssperre [9]
  • Achim (NI): zum 30.06.2026 8,3 Mio. € unter Plan [10]
  • Schwäbisch Gmünd (BW): 20 % unter Erwartung, hochgerechnet rund 6 Mio. € weniger bei 32,5 Mio. € Ansatz [11]
  • Ellwangen (BW): Plan 24,2 Mio. €, aktuell 22,8 Mio. €; im Mai zeitweise rund 18 Mio. € [12]
  • Arendsee (ST): knapp 2 statt 3,2 Mio. €; Haushaltssperre (Oktober 2026) [13]
  • Leuna (ST): erstes Quartal 2026 minus 21,7 Mio. € (−79,5 %) gegenüber dem Vorjahresquartal [2]

Addiert man die Planabweichungen der neun Kommunen mit Jahreswerten, fehlen allein dort rund 104 Millionen Euro. Das ist eine eigene Addition der Redaktion über unterschiedliche Stichtage, keine amtliche Zahl. Sie zeigt aber die Größenordnung: Neun Städte verlieren zusammen einen Betrag, der in der bundesweiten Halbjahresstatistik kaum auffällt.

Ein Sonderfall ist Rastatt. Die Stadt rechnete bereits im November 2025 für 2026 nur noch mit einer Million Euro Gewerbesteuer, nachdem es 2024 noch über 100 Millionen Euro gewesen waren [14]. Rastatt hat den Einbruch also schon im Plan abgebildet, statt ihn unterjährig zu erleiden. Für den Haushalt ist das schmerzhaft, für die Steuerung aber der bessere Fall.


Drei Muster hinter den Ausfällen

Erstens: Der Ansatz war zu hoch. In Ludwigsburg nannte Stadtkämmerer Harald Kistler die veranschlagten 105 Millionen Euro „völlig unrealistisch“ [6]. Jena hatte schon 2025 mit 99,5 Millionen Euro geplant und 71 Millionen Euro eingenommen [7]. Wer nach einem solchen Jahr erneut optimistisch plant, baut die nächste Sperre gleich mit ein.

Zweitens: Es fehlen die Nachzahlungen, nicht die Vorauszahlungen. In Achim sind die Vorauszahlungen seit Jahren stabil. Der Rückgang geht vor allem auf geringere Nachzahlungen für frühere Jahre zurück, teils aus sehr alten Steuerfällen [10]. Das ist für viele Kämmereien der blinde Fleck: Nachzahlungen werden gern als wiederkehrend fortgeschrieben, obwohl sie von Veranlagungsständen des Finanzamts und von Einzelfällen abhängen.

Drittens: Die Unterjahreskurve täuscht. Ellwangen lag im Mai zeitweise rund sechs Millionen Euro unter Plan, im Juli nur noch 1,4 Millionen Euro [12]. Wer im Frühjahr hektisch sperrt, sperrt womöglich zu viel. Wer bis zum Herbst wartet, hat oft keinen Spielraum mehr. Arnsberg hat die Sperre so angelegt, dass neue Ausgaben, Vergaben und Stellenbesetzungsverfahren gestoppt werden, laufende Bauprojekte und geförderte Investitionen aber weiterlaufen [5]. Die Sperre wird spätestens mit der Fortschreibung des Haushalts 2027 neu bewertet [5].

Gegenrechnungen aus dem Finanzausgleich dämpfen den Schaden teilweise, aber nicht vollständig. In Achim gleichen um rund sieben Millionen Euro höhere Schlüsselzuweisungen den Großteil des Ausfalls aus [10]. In Schwäbisch Gmünd verbessert sich der Finanzausgleich um rund 4,9 Millionen Euro, sodass sich das Gesamtergebnis 2026 um rund 4,04 Millionen Euro verschlechtert [11]. Diese Entlastung wirkt allerdings zeitversetzt und hängt davon ab, wie stark die Steuerkraft der übrigen Kommunen im Land sinkt.


Die Prognosen werden nicht besser

Schon die Mai-Steuerschätzung hatte die Richtung vorgegeben. Für Baden-Württemberg erwartete sie für 2026 kommunale Mindereinnahmen von 973 Millionen Euro, davon 853 Millionen Euro bei der Gewerbesteuer. In Bayern sollte die Gewerbesteuer 2026 um 3,4 Prozent zurückgehen. Hessens Städte, Gemeinden und Landkreise rechnen bis 2030 mit fast 1,5 Milliarden Euro weniger als im Herbst 2025 prognostiziert [3].

Die nächste Sitzung des Arbeitskreises Steuerschätzungen findet vom 20. bis 22. Oktober 2026 in Saarbrücken statt [4]. Ihre Ergebnisse fließen in die Orientierungsdaten ein, mit denen viele Kämmereien ihre Haushalte 2027 nachjustieren. Wer seinen Entwurf vor diesem Termin einbringt, sollte die Gewerbesteuer ausdrücklich unter Vorbehalt stellen.

Bergisch Gladbach zeigt, wie schnell ein Steuerausfall zur Strukturfrage wird. Der Kämmerer rechnet auch für 2027 mit geringeren Gewerbesteuererträgen. Ein Pflicht-Haushaltssicherungskonzept sei kaum noch zu vermeiden [8]. Wie viele Städte bereits mit Sperren reagieren, dokumentiert unsere fortlaufende Liste der Haushaltssperren 2026 sowie das Verzeichnis der Haushaltssperren.


Was Kämmereien jetzt tun sollten

  1. Ansatz 2027 aus dem Ist ableiten, nicht aus dem Plan 2026. Ausgangspunkt ist das Kassen-Ist 2025 und die Hochrechnung 2026, nicht der Vorjahresansatz. Jena und Ludwigsburg zeigen, was zwei optimistische Jahre in Folge kosten [6][7].
  2. Vorauszahlungen und Nachzahlungen getrennt planen. Nachzahlungen gehören als eigene Zeile mit Abschlag in den Plan. Achim zeigt, dass gerade dort der Einbruch liegt [10].
  3. Die zehn größten Zahler monatlich auswerten. Herabsetzungsanträge zu Vorauszahlungen sind das früheste Warnsignal. Ein persönliches Gespräch mit den großen Steuerzahlern, wie es Bergisch Gladbach angekündigt hat [8], liefert Hinweise, bevor der Bescheid kommt.
  4. Erstattungsrisiken bewerten. Für laufende Einspruchs- und Klageverfahren eine Rückstellung bzw. einen Risikovermerk bilden, damit eine Erstattung nicht als Überraschung im laufenden Jahr landet.
  5. Sperren nach Arnsberger Muster abstufen. Neue Verpflichtungen stoppen, geförderte und laufende Investitionen ausnehmen, die Neubewertung terminieren [5]. Das schützt Fördermittel und verhindert Baustopps.
  6. Finanzausgleich gegenrechnen, aber nicht vorziehen. Höhere Schlüsselzuweisungen kommen zeitversetzt [10][11]. Sie gehören in die mittelfristige Planung, nicht in die Deckung des laufenden Lochs.
  7. Steuerschätzung vom 22. Oktober abwarten. Den Haushaltsentwurf 2027 mit ausdrücklichem Vorbehalt bei der Gewerbesteuer einbringen und nach den neuen Orientierungsdaten nachsteuern [4].

Wie die eigenen Hebesätze im Vergleich liegen, zeigt unser Gewerbesteuer-Benchmark 2026. Warum der Steuerausfall das kommunale Defizit dauerhaft verfestigt, analysiert der Beitrag Kommunales Defizit 2026.


Quellen

  1. Kommunales Finanzierungsdefizit im 1. Halbjahr 2026 erneut bei 20,1 Milliarden Euro – Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 349 – 01.10.2026
  2. Gewerbesteuer im 1. Quartal 2026 um 11,2 % im Vorjahresvergleich gefallen – Statistisches Landesamt Sachsen-Anhalt – 09.06.2026
  3. Steuerschätzung 2026: So unterschiedlich sind die Prognosen für Kommunen – KOMMUNAL – 25.05.2026
  4. Arbeitskreis „Steuerschätzungen“ – Bundesministerium der Finanzen – abgerufen 13.10.2026
  5. Arnsberg verhängt Haushaltssperre: Gewerbesteuer bricht um 26 Millionen Euro ein – neheim-huesten.de – 03.09.2026
  6. 20 Millionen Euro Gewerbesteuer brechen weg: Stadt Ludwigsburg verhängt Haushaltssperre – Ludwigsburg24 – 26.02.2026
  7. Konjunkturflaute setzt Kommunen zu – aber nicht allen – Volksstimme/dpa – 09.08.2026
  8. Finanzen, kurz & brutal: Gewerbesteuer bricht ein – Bürgerportal Bergisch Gladbach – 09.07.2026
  9. Haushaltssperre in Bernburg: Millionenloch stellt die Stadt vor schwierige Entscheidungen – BBGLIVE – 24.09.2026
  10. Achim: Was der Gewerbesteuer-Rückgang für den Haushalt bedeutet – Weser-Kurier – 12.09.2026
  11. Schwäbisch Gmünd: 4 Millionen Euro Haushaltsloch – Gmünder Tagespost – 25.07.2026
  12. Stadt ist am Limit: Die Gewerbesteuereinnahmen sind eingebrochen – Schwäbische Zeitung – 24.07.2026
  13. Arendsee fehlt Geld: Warum Feuerwehren und Straßenlampen in den Fokus rücken – Volksstimme – 09.10.2026
  14. Rastatt in der Haushaltskrise: Nur noch eine Million Euro an Gewerbesteuer – Badische Neueste Nachrichten – 21.11.2025
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