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6. Oktober 2026 Abonnieren

Kommunales Defizit 2026: Das Rekorddefizit der Kommunen ist kein Ausreißer mehr

20,1 Mrd. Euro Minus im 1. Halbjahr 2026, 31,9 Mrd. im Jahr 2025: Das Rekorddefizit der Kommunen ist strukturell. Was das für den Haushalt 2027 heißt.

Redaktion  ·  2026-10-05  ·  7 Minuten Lesezeit

Am 1. Oktober 2026 hat das Statistische Bundesamt die Halbjahreszahlen vorgelegt. Die Kern- und Extrahaushalte der Gemeinden und Gemeindeverbände (ohne Stadtstaaten) wiesen im ersten Halbjahr 2026 ein Finanzierungsdefizit von 20,1 Milliarden Euro aus – exakt so viel wie im ersten Halbjahr 2025. Das klingt nach Stabilisierung. Es ist das Gegenteil: Die Kommunen haben ihr Ausgabenwachstum mehr als halbiert, und das Loch ist trotzdem keinen Euro kleiner geworden.

Wer jetzt den Haushalt 2027 aufstellt, sollte diese Zahl nicht als Konjunkturdelle lesen. Sie ist der neue Sockel.


Die Zahlen: zwei Rekorde in Folge

Das Gesamtjahr 2025 schloss mit einem Finanzierungsdefizit von 31,9 Milliarden Euro – dem höchsten seit der Wiedervereinigung, 7,1 Milliarden Euro über dem bisherigen Rekord von 24,8 Milliarden Euro aus 2024 (Destatis, Pressemitteilung vom 1. April 2026). Die bereinigten Ausgaben stiegen 2025 um 5,6 Prozent auf 423,3 Milliarden Euro, die Einnahmen nur um 4,1 Prozent auf 391,4 Milliarden Euro.

Die Treiber sind eindeutig:

Im ersten Halbjahr 2026 hat sich das Bild verschoben, nicht verbessert. Die Ausgaben wuchsen nur noch um 2,7 Prozent auf 204,1 Milliarden Euro (Vorjahreszeitraum: plus 6,9 Prozent), die Einnahmen um 3,0 Prozent auf 184,0 Milliarden Euro. Personal stieg erneut um 5,2 Prozent auf 54,7 Milliarden Euro, Sozialleistungen um 3,9 Prozent auf 46,3 Milliarden Euro, Zinsausgaben um 13,1 Prozent auf 2,4 Milliarden Euro. Die Gewerbesteuer sank um 2,0 Prozent auf 30,8 Milliarden Euro. Und die einzige Position, die deutlich schrumpfte, sind die Sachinvestitionen: minus 4,5 Prozent auf 21,7 Milliarden Euro.

Kommunalfinanzen in Zahlen (Stand 1. Oktober 2026)
  • Finanzierungsdefizit 1. Hj. 2026: 20,1 Mrd. € – Niveau des Vorjahreszeitraums · Destatis, 01.10.2026
  • Finanzierungsdefizit 2025: 31,9 Mrd. € (2024: 24,8 Mrd. €) · Destatis, 01.04.2026
  • Sozialleistungen 2025: 90,0 Mrd. € (+5,9 %), Eingliederungshilfe +11,2 % · Destatis, 01.04.2026
  • Personalausgaben 2025: 113,4 Mrd. € (+6,8 %) · Destatis, 01.04.2026
  • Kassenkredite Ende 2025: 38,6 Mrd. € (+6,8 Mrd. €) · Bertelsmann Finanzreport 2026
  • Investitionsrückstand: 231,2 Mrd. € (+7,2 %) · KfW-Kommunalpanel, 17.06.2026
  • Sachinvestitionen 1. Hj. 2026: 21,7 Mrd. € (−4,5 %) · Destatis, 01.10.2026

Kein Ost-West-, kein Arm-Reich-Problem

Frühere Kommunalkrisen hatten eine Adresse: das Ruhrgebiet, das Saarland, Teile von Rheinland-Pfalz. Diese nicht. Nach dem Kommunalen Finanzreport 2026 der Bertelsmann Stiftung lagen 2025 die Kommunen in 12 von 13 Flächenländern im Defizit; nur Thüringen schloss mit einem knappen Überschuss von 105 Millionen Euro. Die höchsten Fehlbeträge: Nordrhein-Westfalen mit 11,0 Milliarden Euro, Bayern mit 5,2 Milliarden Euro, Baden-Württemberg mit 4,4 Milliarden Euro, Niedersachsen mit 3,6 Milliarden Euro, Hessen mit 3,0 Milliarden Euro.

Dass Bayern und Baden-Württemberg auf den Plätzen zwei und drei stehen, ist der eigentliche Befund. Baden-Württembergs Kommunen erzielten 2023 noch ein knappes Plus, 2025 standen sie mit 4,4 Milliarden Euro im Minus. Wenn selbst die steuerstärksten Regionen der Republik ihre laufenden Ausgaben nicht mehr decken, ist die Ursache nicht lokales Missmanagement, sondern die Konstruktion.


Warum das strukturell ist und nicht konjunkturell

Drei Beobachtungen tragen diese These.

Erstens: Die Einnahmen sind nicht eingebrochen. 2025 wuchsen sie um 4,1 Prozent, im ersten Halbjahr 2026 um 3,0 Prozent. Eine Konjunkturkrise sähe anders aus. Das Problem ist die Ausgabenbasis, die seit 2022 dauerhaft höher liegt. Der Finanzreport 2026 nennt Inflation, Personal- und Sozialausgaben als die drei wesentlichen Faktoren; Konjunktur und Zinsanstieg hatten nach dieser Analyse noch keinen dominanten Effekt.

Zweitens: Die Bremse greift, aber das Defizit bleibt. Das Ausgabenwachstum fiel im ersten Halbjahr 2026 von 6,9 auf 2,7 Prozent. Trotzdem steht das Halbjahresdefizit unverändert bei 20,1 Milliarden Euro. Die Kommunen haben also gebremst – und kommen damit nur zum Stillstand auf Rekordniveau. Ein Defizit, das selbst bei halbiertem Ausgabenwachstum nicht sinkt, ist ein Niveauproblem.

Drittens: Die Treiber sind gesetzlich gebunden. Eingliederungshilfe und Jugendhilfe wachsen zweistellig beziehungsweise knapp darunter, und sie sind Pflichtleistungen nach Bundesrecht. Die Stellenzahl der Kommunen stieg laut Finanzreport in den zehn Jahren vor der Krise um ein Drittel; 2024 stiegen die Gehälter um zehn Prozent. Beides lässt sich nicht in einem Haushaltsjahr zurückdrehen. Die Kommunen finanzieren mit Steuern, die der Konjunktur folgen, Ausgaben, die der Gesetzgebung und der Demografie folgen. Diese Schere schließt kein Aufschwung.

Die Bertelsmann Stiftung formuliert es ohne Umschweife: Die Haushaltskrise müsse „als bundesweites Phänomen verstanden werden“. Der Deutsche Städtetag fordert seit April eine jährliche Soforthilfe von mindestens 30 Milliarden Euro – also fast exakt das Defizit 2025.


Die Rechnung wandert in die Kasse und in die Substanz

Wo das Geld fehlt, sieht man an zwei Stellen.

Liquidität: Die Kassenkredite der Kommunen stiegen 2025 laut Finanzreport auf 38,6 Milliarden Euro – ein Zuwachs von 6,8 Milliarden Euro und damit der größte Anstieg ihrer Geschichte. Die Gesamtverschuldung wuchs um 27 Milliarden Euro auf annähernd 200 Milliarden Euro; knapp 85 Prozent des Defizits wurden mit neuen Schulden gedeckt. Die Reserven sind aufgebraucht, der Dispo ist zurück. Wie schnell aus Überbrückung Dauerzustand wird, haben wir in Kassenkredite als Normalzustand beschrieben. Die Zinsausgaben, plus 13,1 Prozent im ersten Halbjahr 2026, sind der Preis dafür.

Substanz: Das KfW-Kommunalpanel 2026 beziffert den wahrgenommenen Investitionsrückstand auf 231,2 Milliarden Euro, 7,2 Prozent mehr als im Vorjahr (215,7 Milliarden Euro). Allein die Schulen stehen für 68,9 Milliarden Euro, die Straßen für 53,7 Milliarden Euro. Für 2026 planten die Kommunen laut KfW Sachinvestitionen von rund 50 Milliarden Euro, 14,8 Prozent mehr als für 2025 geplant – getragen von Erwartungen an das Sondervermögen des Bundes. Die Kassenstatistik zeigt für das erste Halbjahr das Gegenteil: Sachinvestitionen minus 4,5 Prozent, Baumaßnahmen minus 2,4 Prozent. Geplant wird mit dem Sondervermögen, gespart wird an der Baustelle.


Was das für den Haushalt 2027 heißt

Die Halbjahreszahl ist die wichtigste Planungsgröße für die Etats, die gerade in die Räte gehen. Wiederholt sich das Muster des Vorjahres, liegt das Defizit 2026 erneut in der Größenordnung von 30 Milliarden Euro – das ist eine Fortschreibung, keine amtliche Prognose. Für 2027 gibt es keinen Grund, mit einer Entlastung von außen zu rechnen, solange Bund und Länder über die Soforthilfe nicht entschieden haben.

Daraus folgen sieben Punkte für die Kämmerei:

  1. Sozialansätze aus der Fallentwicklung rechnen, nicht aus dem Vorjahr. Eingliederungshilfe und Jugendhilfe wachsen um 9 bis 11 Prozent. Ein Ansatz mit pauschal plus drei Prozent ist kein Konsolidierungsbeitrag, sondern ein Nachtragshaushalt mit Ansage. Mehr dazu in Die Lüge im Haushaltsplan.
  2. Gewerbesteuer vorsichtig ansetzen. Minus 2,0 Prozent im Halbjahr bundesweit, in exportstarken Regionen mehr. Vorauszahlungen und Anpassungsanträge der großen Zahler monatlich auswerten.
  3. Personalbudget über die Stellenzahl steuern. Tarifsteigerungen sind gesetzt, der Stellenplan nicht. Jede altersbedingt frei werdende Stelle vor der Wiederbesetzung auf Aufgabe und Digitalisierbarkeit prüfen.
  4. Liquiditätsplanung wöchentlich führen. Wer Kassenkredite aufnimmt, braucht eine rollierende 13-Wochen-Vorschau und eine Zinsbindungsstrategie, keine Jahresplanung.
  5. Investitionen priorisieren statt strecken. Pauschales Verschieben vergrößert den Rückstand und verteuert ihn. Besser: wenige Maßnahmen mit Substanzerhalt (Schulen, Brücken) durchfinanzieren, den Rest offen zurückstellen.
  6. Mittel aus dem Sondervermögen erst einplanen, wenn der Landesrahmen steht. Zuweisungen, die noch nicht beschieden sind, gehören nicht in die Deckung.
  7. Die Aufsicht früh einbinden. Ein Haushalt ohne Ausgleich wird 2027 die Regel sein. Wer der Kommunalaufsicht ein ehrliches Konsolidierungspfad-Papier vorlegt, verhandelt besser als jemand, der eine Genehmigung erzwingen muss – warum die Aufsicht selbst kaum Hebel hat, zeigt Kommunalaufsicht: zahnloser Tiger.

Fazit

Das Defizit von 20,1 Milliarden Euro im ersten Halbjahr 2026 ist keine gute Nachricht, nur weil es nicht gewachsen ist. Es zeigt, dass die Kommunen ihre Ausgabendynamik bereits gebremst haben, ohne das Loch zu schließen. Die Lücke ist strukturell: gesetzlich gebundene Sozialausgaben, ein höheres Personalkostenniveau, Steuern, die der Wirtschaft folgen. Für den Haushalt 2027 heißt das: realistisch planen, Liquidität eng führen, Investitionen bewusst priorisieren – und von Bund und Ländern die Finanzierung dessen verlangen, was sie bestellen.


Quellen

  1. Kommunales Finanzierungsdefizit im 1. Halbjahr 2026 erneut bei 20,1 Milliarden Euro – Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 349 – 1. Oktober 2026
  2. Kommunen verzeichnen im Jahr 2025 neues Rekorddefizit von 31,9 Milliarden Euro – Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 114 – 1. April 2026
  3. Kommunaler Finanzreport 2026. Die Krise verschärft sich – Bertelsmann Stiftung – Juni 2026
  4. Rekorddefizit der Kommunen von 32 Milliarden Euro: Expertenrat macht Reformvorschläge – Bertelsmann Stiftung, Pressemitteilung – 19. Juni 2026
  5. KfW-Kommunalpanel: Kommunen wollen in diesem Jahr deutlich mehr investieren – KfW Research, Pressemitteilung – 17. Juni 2026
  6. Städte rutschen immer tiefer ins Minus – Deutscher Städtetag, Pressemitteilung – 1. April 2026
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