Das kommunale Defizit lag 2025 bei 31,9 Mrd. €, so hoch wie nie seit der Wiedervereinigung [1]. Stehen 30 % der Gemeinden vor der Haushaltssperre, kommen auf die Länder 33,2 Mrd. € einmalig für die Ablösung der Kassenkredite und mindestens 15,4 Mrd. € jedes Jahr für den laufenden Ausgleich zu. Zusammen 48,6 Mrd. € im ersten Jahr.
Die Ausgangslage
Heute verzeichnen wir 218 Kommunen mit einer Haushaltssperre, in 15 von 16 Ländern [3]. Die Zahl wächst seit Monaten. Wir haben deshalb gerechnet, was es die Länder kostet, wenn die Lage breiter wird: wenn in jedem Land 30 % der Gemeinden vor der Sperre stehen.
Ausgewählt haben wir in jedem Land die 30 % der Gemeinden mit der höchsten Last an Kassenkrediten je Einwohner, bei gleichem Wert entscheiden die Schulden je Einwohner [2]. Das sind bundesweit 3.229 Gemeinden mit 36,2 Mio. Einwohnern.
Der Bedarf hat zwei Teile:
- Ablösung der Kassenkredite (einmalig): Was diese Gemeinden heute an Kassenkrediten tragen, Stand 31.12.2025 [2]. So hat Hessen 2018 mit der Hessenkasse seine Kommunen entschuldet [4].
- Laufender Ausgleich (jährlich): Der kommunale Finanzierungssaldo 2025 des Landes je Einwohner [1], übertragen auf die Einwohner der betroffenen Gemeinden. Weil gerade diese Gemeinden meist überdurchschnittlich belastet sind, ist das eine Untergrenze.
Der Bedarf je Land
| Land | Gemeinden (30 %) | Einwohner | Kassenkredite ablösen | Defizit 2025 je Einwohner | laufender Ausgleich je Jahr | Bedarf im ersten Jahr | belegte Sperren |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Nordrhein-Westfalen | 119 | 9,80 Mio. | 23,9 Mrd. € | 613 € | 6,0 Mrd. € | 29,9 Mrd. € | 44 |
| Niedersachsen | 282 | 4,40 Mio. | 2,5 Mrd. € | 450 € | 2,0 Mrd. € | 4,5 Mrd. € | 6 |
| Bayern | 617 | 5,90 Mio. | 0,5 Mrd. € | 392 € | 2,3 Mrd. € | 2,8 Mrd. € | 33 |
| Rheinland-Pfalz | 690 | 2,44 Mio. | 2,2 Mrd. € | 257 € | 0,6 Mrd. € | 2,8 Mrd. € | 4 |
| Baden-Württemberg | 331 | 3,99 Mio. | 0,7 Mrd. € | 395 € | 1,6 Mrd. € | 2,3 Mrd. € | 27 |
| Hessen | 127 | 2,57 Mio. | 0,5 Mrd. € | 474 € | 1,2 Mrd. € | 1,7 Mrd. € | 26 |
| Schleswig-Holstein | 332 | 1,69 Mio. | 0,8 Mrd. € | 430 € | 0,7 Mrd. € | 1,5 Mrd. € | 3 |
| Sachsen-Anhalt | 66 | 0,88 Mio. | 1,0 Mrd. € | 48 € | 0,04 Mrd. € | 1,0 Mrd. € | 17 |
| Sachsen | 126 | 1,65 Mio. | 0,5 Mrd. € | 265 € | 0,4 Mrd. € | 1,0 Mrd. € | 14 |
| Brandenburg | 124 | 0,84 Mio. | 0,1 Mrd. € | 326 € | 0,3 Mrd. € | 0,4 Mrd. € | 15 |
| Mecklenburg-Vorpommern | 218 | 0,81 Mio. | 0,2 Mrd. € | 198 € | 0,2 Mrd. € | 0,4 Mrd. € | 9 |
| Saarland | 16 | 0,28 Mio. | 0,3 Mrd. € | 120 € | 0,03 Mrd. € | 0,4 Mrd. € | 1 |
| Thüringen | 181 | 0,90 Mio. | 0,02 Mrd. € | Überschuss | – | 0,02 Mrd. € | 10 |
| Summe | 3.229 | 36,2 Mio. | 33,2 Mrd. € | 15,4 Mrd. € | 48,6 Mrd. € | 209 |
Rundungsdifferenzen sind möglich. Die Sperren zählen Kommunen in den Flächenländern; dazu kommen 9 Fälle in Berlin und Bremen. Thüringens Kommunen schlossen 2025 mit einem Überschuss von 104,7 Mio. € ab [1].
Was die Zahlen zeigen
NRW entscheidet über jede Rettung. 119 Gemeinden in Nordrhein-Westfalen tragen 23,9 Mrd. € Kassenkredite, im Schnitt 2.435 € je Einwohner. Das sind fast drei Viertel des bundesweiten Ablösebedarfs. Dazu kommt das größte laufende Defizit: 11,0 Mrd. € im Jahr 2025 für alle Kommunen des Landes [1].
Im Süden und Osten liegt das Problem woanders. Bayern, Baden-Württemberg, Brandenburg und Thüringen haben kaum Kassenkredite, aber zusammen 85 belegte Haushaltssperren. In Bayern, Baden-Württemberg und Thüringen hat nicht einmal jede dritte Gemeinde überhaupt Kassenkredite. Dort entsteht die Sperre aus aufgezehrten Rücklagen, und die zeigt keine Kreditstatistik. Für diese Länder ist der laufende Ausgleich der eigentliche Bedarf: allein in Bayern mindestens 2,3 Mrd. € im Jahr.
Entschuldung allein reicht nicht. Hessen hat 2018 rund 5 Mrd. € Kassenkredite übernommen [4]. 2025 meldeten die hessischen Kommunen trotzdem ein Defizit von 3,0 Mrd. € [1], und heute stehen 26 hessische Kommunen im Verzeichnis der Haushaltssperren [3]. Eine Ablösung schafft Luft, solange der laufende Haushalt ausgeglichen wird. Ohne strukturelle Lösung für Sozialausgaben, Personal und Kreisumlage wachsen die Kassenkredite wieder nach.
Was Kämmereien jetzt tun können
- Die eigene Position kennen: Wo steht Ihre Gemeinde bei Kassenkrediten und Schulden im Land? Unsere Analyse Wer kippt 2027? zeigt es für jede Gemeinde.
- Den Rücklagenverzehr messen, nicht nur die Kredite. Der Frühindikator für die Sperre ist die schrumpfende Ausgleichsrücklage, lange bevor ein Kassenkredit nötig wird.
- Die Gespräche mit dem Land früh führen. Landesprogramme werden nach Lage und Verhandlung verteilt. Wer seine Zahlen belegt vorlegt, verhandelt besser.
Methode und Grenzen
Grundlage sind die Kassenkredite und Schulden je Einwohner aller 10.743 Gemeinden zum 31.12.2025 [2] und der Finanzierungssaldo der Gemeinden und Gemeindeverbände 2025 je Land [1]. Nicht enthalten sind die Landkreise als eigene Schuldner sowie die Stadtstaaten. Besonders in Rheinland-Pfalz und Niedersachsen tragen auch die Kreise erhebliche Kassenkredite, der tatsächliche Bedarf liegt dort höher. Der laufende Ausgleich unterstellt das durchschnittliche Defizit je Einwohner des Landes und ist damit eine Untergrenze. Die 30 % sind ein Szenario, keine Prognose.
Quellen
- Statistischer Bericht – Vierteljährliche Kassenergebnisse der Kern- und Extrahaushalte des Öffentlichen Gesamthaushalts, 1.–4. Vierteljahr 2025 – Statistisches Bundesamt, Tabelle 71511-11; Kommunen verzeichnen im Jahr 2025 neues Rekorddefizit von 31,9 Milliarden Euro – Pressemitteilung Nr. 114 – 01.04.2026
- Statistische Ämter des Bundes und der Länder – Schulden der Gemeinden je Einwohner, Kassenkredite, Stand 31.12.2025; Datenlizenz Deutschland – Namensnennung 2.0
- Verzeichnis der Haushaltssperren – Der Kämmerer, Stand 19.10.2026
- Haushaltssperre in Hessen 2026: Welche Städte und Landkreise betroffen sind – Der Kämmerer – 14.10.2026, mit Quellen zur Hessenkasse