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14. Oktober 2026

Haushaltssperre in Hessen 2026: Welche Städte und Landkreise betroffen sind

Von Büdingen bis Kreis Offenbach (12,8 Mio. €): belegte Haushaltssperren in Hessen 2026, Auslöser, § 107 HGO und was Kämmereien jetzt tun.

Redaktion  ·  2026-10-14  ·  7 Minuten Lesezeit

Das Land der Rettungsschirme sperrt wieder

Hessen hat seine Kommunen zweimal entschuldet. Erst kam der Kommunale Schutzschirm, dann 2018 die Hessenkasse, mit der rund 5 Mrd. € an Kassenkrediten abgelöst wurden. Von 2015 bis 2024 sank der Bestand an Kassenkrediten damit um fast 94 % [15]. Ende 2024 standen in den Kernhaushalten nur noch 401 Mio. € Liquiditätskredite in den Büchern [13].

Trotzdem ist die Lage gekippt. Der Finanzierungssaldo der hessischen Kommunen fiel von minus 597 Mio. € im Jahr 2023 auf minus 2,58 Mrd. € im Jahr 2024 [13][15]. 2024 schlossen 356 Kommunen mit einem Defizit ab, nur 87 mit einem Überschuss [13]. Das Finanzministerium stellt im Gemeindefinanzbericht fest, dass kreisangehörige Gemeinden und kreisfreie Städte 2024 einen Anstieg ihrer Liquiditätskredite um über 400 % gegenüber dem Vorjahr verzeichneten [15]. Hofheim am Taunus verhängte schon im Dezember 2025 eine Sperre, weil alle Rücklagen aufgebraucht waren. Der Rahmen für Liquiditätskredite sollte dort auf 50 Mio. € steigen [12]. Rechnungshofpräsident Uwe Becker sagte im April im Landtag, 2025 hätten vier von fünf Kommunen Defizite ausgewiesen und kein Landkreis einen ausgeglichenen Haushalt [14].

Im Haushaltsvollzug 2026 zeigt sich das nun. Seit Mai haben mindestens zehn hessische Kommunen und ein Landkreis eine haushaltswirtschaftliche Sperre verhängt. Der jüngste Fall ist Büdingen am 13. Oktober [1]. Alle Fälle stehen im Verzeichnis Haushaltssperren, gebündelt auf der Länderseite Haushaltssperren in Hessen. Die bundesweite Übersicht bietet der Pillar-Beitrag Haushaltssperre 2026: Welche Städte betroffen sind.


Die belegten Fälle 2026

Haushaltssperre in Hessen (Stand 14. Oktober 2026)
  • Städte mit Gewerbesteuer-Einbruch: Herborn (Mai, 4,9 Mio. € unter Ansatz), Neu-Isenburg (Juni, 20 % der frei verfügbaren Ausgaben), Alsfeld (22.07.), Bad Hersfeld (Bericht 16.08., 10 %) [11][10][8][7].
  • Gemeinden: Neuberg (Juli, 10 %, budgetbezogen), Langgöns (seit 01.09.) [9][6].
  • Sozial- und Personalkosten: Gießen (September, rund 3,74 Mio. €), Bad Sooden-Allendorf (Oktober, Personalkosten 105.000 € über Plan) [2][5].
  • Weitere Städte: Nidderau (Magistrat 22.09., dazu geplanter Einstellungsstopp), Büdingen (13.10., befristet bis 31.12.) [4][1].
  • Landkreis: Kreis Offenbach (September, 12,8 Mio. €) [3].
  • Zuständig: Magistrat, Gemeindevorstand oder Kreisausschuss. Büdingen und Neuberg nennen § 107 HGO als Rechtsgrundlage [1][9].

Gewerbesteuer: der häufigste Auslöser in den Städten

In fünf der elf Fälle reißt die Gewerbesteuer das Loch. Am deutlichsten ist es in Neu-Isenburg. Die Stadt plante für 2026 mit rund 98,8 Mio. € Gewerbesteuer. Zum Stichtag 19. Mai lag die Prognose bei rund 58 Mio. €. Das Defizit im Ergebnishaushalt steigt damit von geplanten 28 Mio. € auf mehr als 47 Mio. €. Der Magistrat sperrte mit sofortiger Wirkung 20 % aller frei verfügbaren Ausgaben. Neue, nicht verpflichtende Ausgaben ab 5.000 € müssen die Dezernenten freigeben. Investitionen mit Fördermittelanteil sind ausgenommen [10].

Herborn rechnet mit 4,9 Mio. € weniger Gewerbesteuer als den eingeplanten 32,5 Mio. € [11]. In Alsfeld lag der Veranlagungsstand im Juli bei rund 10,4 Mio. €, eingeplant waren rund 15,1 Mio. € [8]. In Bad Hersfeld fehlen nach Angaben der Kämmerin rund 6,2 Mio. € im Ergebnishaushalt, vor allem wegen prognostizierter Einbrüche bei der Gewerbesteuer [7]. Langgöns erwartet statt eines Fehlbetrags von rund 3,41 Mio. € nun rund 4,5 Mio. €. Neben der Gewerbesteuer fehlt dort die Kapitalverzinsung der Gemeindewerke [6].

Herborn und Alsfeld zeigen einen hessischen Nebeneffekt, der die Lücke dämpft. Sinkt der Gewerbesteuerertrag, sinken auch Gewerbesteuer- und Heimatumlage. Alsfeld rechnet mit 315.000 bis 630.000 € weniger Umlagen [8]. Herborn beziffert die Entlastung durch geringere Umlagen auf etwa 800.000 € [11]. Wer die Sperrsumme festlegt, sollte diese Entlastung gegenrechnen. Sonst sperrt die Kämmerei mehr, als nötig ist.


Jugendhilfe und Personal: die zweite Welle

In Gießen ist nicht die Steuer der Auslöser, sondern das Jugendamt. Dort fehlen unvorhergesehen rund 4,5 Mio. €. Die Ausgaben für gesetzliche Jugendhilfe liegen über 30 Mio. €. Eine stationäre Unterbringung kostet laut Stadt rund 94.000 € je Kind und Jahr. Dazu kommen rund 1,6 Mio. € Personalkosten. Der Magistrat sperrte rund 3,74 Mio. €. Die Sperre trifft Beratung, Fortbildung, Bewirtung, Reisen und verschiebbare Instandhaltung. Zuschüsse an Dritte und gesetzliche Leistungen bleiben unberührt. Ein Nachtragshaushalt soll am 5. November beschlossen werden [2].

Im Kreis Offenbach hatte das Regierungspräsidium im Mai ein Defizit von 13,9 Mio. € genehmigt. Das interne Berichtswesen erwartet nun rund 26,7 Mio. €. Die Differenz von 12,8 Mio. € soll die Sperre auffangen, davon etwa 7 Mio. € im Sozialbereich und etwa 2 Mio. € im Verwaltungsbudget. Als Gründe nennt der Kreis höhere Jugendhilfekosten, höhere Zuschüsse für den Nahverkehr und geringere Bauaufsichtsgebühren [3]. Das deckt sich mit dem Befund des Rechnungshofs: Die größten Ausgabenzuwächse liegen bei Kinder- und Jugendhilfe sowie Eingliederungshilfe [14].

Klein im Betrag, aber lehrreich ist Bad Sooden-Allendorf. Dort lagen die Personalkosten 105.000 € über Plan. Ohne Sperre hätte die Stadt laut Bericht im Dezember wohl keine Gehälter mehr zahlen können [5]. Bei kleinen Haushalten reicht schon eine Tarifabweichung, um die Liquidität zu gefährden. Für den Umgang mit Stellen bietet unser Beitrag zur Wiederbesetzungssperre einen Vergleich der Modelle.


Wie Hessen sperrt: Kollegialorgan, Quote, Freigabegrenze

In den belegten hessischen Fällen entscheidet nicht die Kämmerei allein. Die Sperre beschließt der Magistrat, in Gemeinden der Gemeindevorstand, im Landkreis der Kreisausschuss [1][3][9]. In Gießen muss die Stadtverordnetenversammlung deshalb nicht zustimmen [2]. Die Unterschiede zu den anderen Ländern zeigt unser Überblick Haushaltssperre nach Bundesland.

Drei Bauformen haben sich 2026 herausgebildet:

Auffällig ist die Rolle der Aufsicht. In Bad Hersfeld hat die Kommunalaufsicht die Sperre empfohlen, weil zugleich ein Liquiditätskredit abgebaut werden muss [7]. Wo die Hessenkasse den Kassenkredit einst abgelöst hat, achtet die Aufsicht genau auf einen neuen Anstieg.


Das Land: Finanzausgleich und Streit um die Zahlen

Der Kommunale Finanzausgleich steigt nach Angaben des Finanzministeriums 2026 auf etwa 7,4 Mrd. € und 2027 auf rund 7,5 Mrd. € [17]. Die drei Spitzenverbände widersprachen der Darstellung einer Einigung. Ihr Satz: „Die wesentlichen Ziele der Reform sehen wir nicht als erreicht an.“ [17] Der Gemeindefinanzbericht 2025 sieht dagegen keine zwingende Notwendigkeit, den Finanzausgleich grundsätzlich zu erhöhen [15]. Beim Aktionstag im Juni bezifferte der Städte- und Gemeindebund die Defizite der Jahre 2022 bis 2025 auf mehr als 5,5 Mrd. € [16].

Für den Vollzug 2026 heißt das: Zusätzliches Landesgeld ist im laufenden Jahr nicht zu erwarten. Die Sperre bleibt das schnellste Instrument. Was 2027 droht, zeigt unser Beitrag Haushaltssperre 2027: Welche Städte jetzt schon warnen.


Was hessische Kämmereien jetzt tun sollten

  1. Gewerbesteuer-Veranlagung monatlich gegen den Ansatz halten. In Alsfeld wies schon der erste Bericht über den Haushaltsvollzug auf eine mögliche Sperre hin, falls sich die Steuern weiter verschlechtern [8]. Diese Vorwarnung schafft Akzeptanz im Parlament.
  2. Umlagen gegenrechnen. Gewerbesteuer- und Heimatumlage sinken mit dem Ertrag. Die Sperrsumme sollte auf die Nettolücke zielen, nicht auf den Bruttoausfall [8][11].
  3. Magistratsbeschluss sauber vorbereiten. Rechtsgrundlage, Umfang, Befristung, Ausnahmen und Freigabeverfahren gehören in die Vorlage. Büdingen zeigt eine knappe, vollständige Form [1].
  4. Parlament früh unterrichten. In Bad Hersfeld beschwerte sich der Ausschussvorsitzende, die Stadtverordneten hätten vom Schreiben der Kommunalaufsicht zu spät erfahren [7]. Ein Konflikt dieser Art kostet Zeit beim Nachtragshaushalt.
  5. Fördermittel ausnehmen. Neu-Isenburg hat Investitionen mit Fördermittelanteil von der Sperre ausgenommen [10]. Wer sie sperrt, riskiert Rückforderungen und den Verlust des Zuschusses.
  6. Freie Träger informieren. Gießen nimmt Zuschüsse an Dritte aus, der Kreis Offenbach sperrt bereits genehmigte Mittel im Sozialbereich [2][3]. Was das für Vereine und Träger bedeutet, erklärt unser Beitrag Haushaltssperre: Was Vereine und freie Träger wissen müssen.
  7. Den Nachtrag gleich mitplanen. Die Sperre stopft die Lücke selten ganz. Gießen bringt deshalb parallel einen Nachtragshaushalt ein [2].

Quellen

  1. Stadt Büdingen verhängt Haushaltssperre für das laufende Haushaltsjahr – Vorsprung Wetterau (Pressemitteilung der Stadt Büdingen) – 13.10.2026
  2. Unerwartetes Finanzloch: Gießen beschließt sofortige Haushaltssperre – hessenschau – 15.09.2026
  3. Haushaltssperre wegen Millionenloch: Kreis Offenbach zieht finanzielle Notbremse – hessenschau – 09.09.2026
  4. Verschärfte Sparmaßnahmen – Stadt Nidderau – 23.09.2026
  5. Bad Sooden-Allendorf verhängt Haushaltssperre: Im Dezember drohte Gehaltsausfall – Werra-Rundschau – 06.10.2026
  6. Gemeinde Langgöns verhängt Haushaltssperre – mittelhessen.de – 22.09.2026
  7. Bad Hersfeld verhängt Haushaltssperre: Im Haushalt droht ein Defizit von Millionen Euro – HNA – 16.08.2026
  8. Alsfeld verhängt Haushaltssperre: Millionen Euro fehlen – Gießener Allgemeine – 29.08.2026
  9. Neuberger Gemeindevorstand beschließt zehnprozentige Haushaltssperre – Erlensee aktuell – 30.07.2026
  10. Neu-Isenburg verhängt Haushaltssperre: Defizit steigt auf 47 Millionen Euro – Offenbach-Post – 13.06.2026
  11. Magistrat beschließt für Herborn eine Haushaltssperre – mittelhessen.de – 08.05.2026
  12. Millionenloch in Hofheim: Stadt verhängt Haushaltssperre – hessenschau – 03.12.2025
  13. Kommunalbericht 2025: Kommunalfinanzen am Scheideweg – Vier von fünf Kommunen mit Defizit (Präsentation) – Präsident des Hessischen Rechnungshofs – 21.11.2025
  14. Stenografischer Bericht, 16. Sitzung des Unterausschusses für Finanzcontrolling und Verwaltungssteuerung – Hessischer Landtag – 22.04.2026
  15. Gemeindefinanzbericht 2025 – Hessisches Ministerium der Finanzen – November 2025
  16. Finanznot in Hessen: Kommunen fordern Soforthilfen gegen Milliarden-Minus – hessenschau – 22.06.2026
  17. Einigung beim Kommunalen Finanzausgleich? Kommunen irritiert über Finanzministerium – hessenschau – 23.09.2025
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