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4. November 2026

Schlüsselzuweisungen 2027: Köln minus 187 Mio. €, Dortmund plus 98 Mio. € – Gewinner und Verlierer in NRW

GFG 2027: 11,32 Mrd. € Schlüsselzuweisungen, aber 172 Gemeinden bekommen weniger. Köln verliert 187 Mio. €, Münster fast alles. Die Liste.

Redaktion  ·  2026-11-03  ·  7 Minuten Lesezeit

Mehr Geld im Topf, weniger Geld für viele

Das Land Nordrhein-Westfalen hebt mit dem Gemeindefinanzierungsgesetz 2027 den Verbundsatz von 23 auf 23,5 Prozent an, zum ersten Mal seit Mitte der 1970er-Jahre. Die Kommunen sollen 2027 rund 17,1 Mrd. € erhalten, rund 360 Mio. € mehr als im Vorjahr [3][2]. In den Haushaltsentwürfen vieler Städte kommt davon trotzdem nichts an.

Die Arbeitskreisrechnung zum GFG 2027 vom 19. August 2026 zeigt den Grund [1]. Die Schlüsselzuweisungen an die 396 Städte und Gemeinden steigen landesweit nur um 191,6 Mio. € auf 11,32 Mrd. €, also um 1,7 Prozent. Hinter diesem kleinen Plus steht eine große Umverteilung: 150 Gemeinden bekommen mehr, 172 bekommen weniger, bei 74 bleibt der Betrag gleich. Die meisten der 74 erhalten in beiden Jahren gar keine Schlüsselzuweisungen. Die Zahl der Gemeinden ohne Schlüsselzuweisungen steigt von 90 auf 103 (eigene Auswertung der Gemeindetabelle [1]).

Wer 2027 Geld verliert, hat in aller Regel nicht schlecht gewirtschaftet. Seine Steuerkraft ist im Referenzzeitraum stärker gewachsen als die der anderen Gemeinden.


Die Verlierer: Köln, Münster, Leverkusen

Schlüsselzuweisungen 2026 → 2027, größte Rückgänge (Arbeitskreisrechnung, Stand 19.08.2026)
  • Köln: 658,6 → 471,3 Mio. € · −187,3 Mio. € (−28,4 %) · Steuerkraft +6,4 %
  • Münster: 108,2 → 2,9 Mio. € · −105,3 Mio. € (−97,3 %) · Steuerkraft +15,5 %
  • Leverkusen: 65,4 Mio. € → 0 · −65,4 Mio. € · Steuerkraft +24,2 %
  • Bonn: 203,3 → 168,3 Mio. € · −34,9 Mio. € (−17,2 %) · Steuerkraft +5,0 %
  • Paderborn: 102,1 → 82,2 Mio. € · −19,9 Mio. € (−19,5 %) · Steuerkraft +8,3 %
  • Gütersloh: 57,5 → 37,8 Mio. € · −19,7 Mio. € (−34,3 %) · Steuerkraft +13,1 %
  • Kerpen: 36,5 → 23,0 Mio. € · −13,5 Mio. € (−37,0 %) · Steuerkraft +17,1 %
  • Gronau (Westf.): 13,3 Mio. € → 0 · −13,3 Mio. € · Steuerkraft +27,7 %
  • Gummersbach: 31,8 → 18,9 Mio. € · −12,9 Mio. € (−40,5 %) · Steuerkraft +21,1 %

Steuerkraft meint die normierte Steuerkraft aus der Arbeitskreisrechnung [1].

Köln verliert absolut am meisten. Der Rückgang um 187 Mio. € entspricht fast einem Viertel des Defizits von 811,3 Mio. €, das die Stadt in ihrem Entwurf für 2027 plant [6]. Das ist eine Größenordnung zum Vergleich, keine Rechnung über die Ursachen des Defizits. Die Kölner Verwaltung schreibt, sie habe die Gewerbesteuer bisher „weitgehend stabil“ halten können [6]. Im Finanzausgleich zahlt sich genau das nicht aus: Die normierte Steuerkraft der Stadt steigt von 2,64 auf 2,81 Mrd. € [1].

Münster ist der deutlichste Fall. Die Stadt hatte im Doppelhaushalt 2026/2027 rund 95 Mio. € Schlüsselzuweisungen für 2027 eingeplant, nach der Arbeitskreisrechnung bleiben rund 2,8 Mio. € [4]. Die Kämmerin verfügte Anfang September 2026 eine Haushaltssperre [5]. Laut Stadt hat sich ihre Steuerkraft gut entwickelt, die der anderen Kommunen „weniger dynamisch“. Dazu wachse der rechnerische Finanzbedarf Münsters unterdurchschnittlich [4][5].

Auch der ländliche Raum verliert. Die kreisangehörigen Gemeinden im Kreis Borken erhalten zusammen 12,6 statt 43,0 Mio. € (−70,8 %), im Kreis Gütersloh 44,9 statt 78,9 Mio. € (−43,1 %), im Kreis Coesfeld 25,4 statt 45,9 Mio. € (−44,6 %) [1]. 29 Gemeinden fallen ganz aus den Schlüsselzuweisungen heraus, darunter Leverkusen, Frechen, Bad Honnef, Gronau, Lüdinghausen, Harsewinkel und Warstein. 16 Gemeinden erhalten umgekehrt wieder Schlüsselzuweisungen, etwa Kaarst, Pulheim, Lippstadt und Menden [1].


Die Gewinner: Ruhrgebiet und Aachen

Schlüsselzuweisungen 2026 → 2027, größte Zuwächse (Arbeitskreisrechnung, Stand 19.08.2026)
  • Dortmund: 905,2 → 1.003,1 Mio. € · +97,9 Mio. € (+10,8 %) · Steuerkraft −7,7 %
  • Aachen: 156,0 → 219,2 Mio. € · +63,2 Mio. € (+40,5 %) · Steuerkraft −14,4 %
  • Essen: 759,4 → 817,7 Mio. € · +58,3 Mio. € (+7,7 %) · Steuerkraft −4,0 %
  • Wuppertal: 442,8 → 478,5 Mio. € · +35,8 Mio. € (+8,1 %) · Steuerkraft −4,6 %
  • Hagen: 241,6 → 274,4 Mio. € · +32,7 Mio. € (+13,5 %) · Steuerkraft −7,1 %
  • Bielefeld: 315,5 → 334,6 Mio. € · +19,0 Mio. € (+6,0 %) · Steuerkraft −2,3 %
  • Hamm: 184,1 → 202,0 Mio. € · +17,9 Mio. € (+9,7 %) · Steuerkraft −6,5 %
  • Herne: 249,6 → 265,9 Mio. € · +16,4 Mio. € (+6,6 %) · Steuerkraft +0,8 %

Dortmund ist 2027 die einzige Gemeinde in NRW mit Schlüsselzuweisungen über einer Milliarde Euro [1]. Ein Gewinn im engeren Sinn ist das nicht. Das Plus gleicht vor allem eine gesunkene Steuerkraft aus: In Dortmund fällt sie um 75,5 Mio. €, in Aachen um 70,6 Mio. € [1]. Der Finanzausgleich fängt einen Einnahmeausfall teilweise auf, er macht die Stadt aber nicht reicher.

Bei kleineren Städten sind die Ausschläge prozentual noch größer. Troisdorf erhält 25,1 statt 13,8 Mio. € (+82,3 %), Soest 18,0 statt 8,8 Mio. € (+105,4 %), Rheine 31,6 statt 21,0 Mio. € (+50,8 %) [1]. Neuss kommt auf 26,2 statt 22,2 Mio. € (+18,0 %). Die Stadtverwaltung nennt dafür überdurchschnittliche Sozial-, Schul- und Beschäftigungsfaktoren und rechnet zugleich mit einer höheren Kreisumlage [7][1]. Düsseldorf bleibt wie im Vorjahr ohne Schlüsselzuweisungen [1].


Warum die Ausschläge so groß sind

Die Schlüsselzuweisungen folgen der Lücke zwischen fiktivem Finanzbedarf und Steuerkraft einer Gemeinde. Entscheidend ist dabei die Entwicklung im Vergleich zu allen anderen. Wächst die eigene Steuerkraft stärker als der Landesschnitt, schrumpft der eigene Anteil an der Schlüsselmasse überproportional. Das ist in Münster und Köln passiert. Die normierte Steuerkraft aller Gemeinden steigt landesweit nur um 0,7 Prozent [1]. Wer zweistellig zulegt, fällt aus dem Verteilungstopf heraus.

Den Ausschlag geben Gewerbesteuer-Nachzahlungen und Einzelfälle im Referenzzeitraum, die sich nicht wiederholen müssen. Die Schlüsselzuweisungen fallen trotzdem sofort weg. Erst einige Jahre später kehrt sich der Effekt um, wenn die starken Jahre aus dem Referenzzeitraum herausfallen. Münster zeigt die Spanne: 98,8 Mio. € im Jahr 2024, 128,9 Mio. € 2025, 108,2 Mio. € 2026 und nun 2,9 Mio. € [4][1].


Die Zahlen sind noch nicht endgültig

Die Arbeitskreisrechnung ist eine vorläufige Berechnung. Der Referenzzeitraum für das GFG 2027 endete erst am 30. September 2026, endgültig festgelegt werden die Werte zum Jahresende [7]. Bis dahin können sich einzelne Beträge noch verschieben. Die Richtung ändert sich in der Regel nicht mehr, wenn sie so deutlich ist wie in Köln, Münster oder Dortmund.

Andere Länder verteilen 2027 spürbar mehr. Bayern erhöht die Schlüsselzuweisungen um knapp 10 Prozent auf 5,5 Mrd. €, dazu kommen 210 Mio. € mehr für die Bezirke [8]. Brandenburg rechnet nach den Orientierungsdaten für die Gemeinden mit 1,843 statt 1,708 Mrd. € (+7,9 %), für die Landkreise mit 721,7 statt 669,2 Mio. €. Cottbus erhält 119,2 statt 96,3 Mio. € [9]. Ein Teil davon ist einmalig: Abrechnungen aus Vorjahren erhöhen die Brandenburger Verbundmasse 2027 um rund 73,7 Mio. €, für 2028 erwartet das Finanzministerium eine leicht sinkende Schlüsselmasse [9].

Für die Planung über 2027 hinaus sind auch die Ergebnisse der Steuerschätzung vom Oktober wichtig, die wir hier eingeordnet haben.


Was Kämmereien jetzt tun sollten

  1. Den eigenen Wert aus der Gemeindetabelle ablesen. Die Arbeitskreisrechnung weist für jede Gemeinde Schlüsselzuweisungen, normierte Steuerkraft und fiktive Finanzkraft für 2026 und 2027 nebeneinander aus [1]. Weicht der Planansatz um mehr als einige Prozent ab, gehört das noch in die laufende Haushaltsberatung.
  2. Steuerkraft-Sprünge als Warnsignal lesen. Hat die Gewerbesteuer im Referenzzeitraum zweistellig zugelegt, sinken die Schlüsselzuweisungen mit Verzögerung. Das Plus von heute gehört deshalb nicht vollständig in die Planung der Folgejahre.
  3. Die Kreisumlage mitrechnen. Höhere Schlüsselzuweisungen erhöhen die Umlagegrundlagen und damit die Kreisumlage, wie Neuss für sich erwartet [7]. Wie die Kreise dazu verhandeln, haben wir zur Kreisumlage 2027 beschrieben.
  4. Die Endfestsetzung abwarten, aber vorsorgen. Bis zur Festsetzung zum Jahresende kann sich der Betrag noch verschieben. Wer stark verliert, sollte nicht auf eine Korrektur setzen. Münster hat gezeigt, dass eine frühe Bewirtschaftung Handlungsspielraum schafft [5]. Weitere Fälle stehen in unserer Übersicht Haushaltssperre 2027.
  5. Gewinne nicht verplanen, bevor sie feststehen. Städte wie Aachen, Hagen oder Troisdorf erhalten mehr, weil ihre Steuerkraft gesunken ist. Kehrt sich die Steuerentwicklung um, schrumpft auch der Ausgleich wieder.
  6. Die mittelfristige Planung auf Schwankung auslegen. Ein Szenario mit 20 bis 30 Prozent weniger Schlüsselzuweisungen kann sinnvoll sein, wenn die eigene Steuerkraft deutlich über dem Landestrend liegt. Diese Spanne ist eine redaktionelle Annahme, kein Prognosewert.
  7. Bescheide prüfen. Den Schlüsselzuweisungsbescheid können Kommunen rechtlich überprüfen lassen. Ein Beispiel ist das Verfahren in Rheinland-Pfalz.

Quellen

  1. Arbeitskreisrechnung FA2027 – Berechnung und Vergleich der Schlüsselzuweisungen 2026/2027 (PDF) – Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung NRW / IT.NRW – 19.08.2026
  2. Gemeindefinanzierung – Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung NRW – abgerufen 03.11.2026
  3. Kabinett bringt Haushaltsplanentwurf 2027 auf den Weg – Land Nordrhein-Westfalen (Pressemitteilung) – 14.07.2026
  4. Doppelhaushalt 2026/2027 verliert in 2027 Schlüsselzuweisungen in Millionenhöhe – Stadt Münster – 02.09.2026
  5. Kämmerin Zeller informiert Finanzausschuss – Stadt Münster – 09.09.2026
  6. Massive Finanzkrise schlägt sich auf den Doppelhaushalt 2027/2028 nieder – Stadt Köln (Pressemitteilung) – 02.09.2026
  7. Sachstand GFG 2027 (Mitteilung 20/0144/2026) – Stadt Neuss, Ratsinformationssystem – 06.08.2026
  8. Kommunaler Finanzausgleich 2027 – Bayerischer Landkreistag – 26.10.2026
  9. Mini-Verschnaufpause: Kommunen bekommen 2027 deutlich mehr Geld – KOMMUNAL – 20.08.2026
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