Am 22. Oktober 2026 hat das Bundesfinanzministerium die Ergebnisse der 171. Steuerschätzung veröffentlicht. Für die Städte und Gemeinden klingt die Botschaft zunächst freundlich: In jedem Jahr des Schätzzeitraums liegen ihre erwarteten Steuereinnahmen über der Mai-Schätzung, 2027 um 3,3 Milliarden Euro [1][2]. Wer die Zahlen allerdings neben die Herbstschätzung 2025 legt – auf deren Grundlage viele Haushalte 2026 und Finanzpläne bis 2029 aufgestellt wurden –, sieht ein anderes Bild. Die Herbstkorrektur holt nur einen Teil dessen zurück, was im Mai verloren ging.
Was der Arbeitskreis für die Gemeinden schätzt
Der Arbeitskreis „Steuerschätzungen“ hat vom 20. bis 22. Oktober 2026 in Saarbrücken getagt [2]. Für die Gemeinden – einschließlich der Gemeindesteuern der Stadtstaaten – erwartet er folgende Steuereinnahmen [2]:
- 2025 (Ist): 150,9 Mrd. €
- 2026: 152,6 Mrd. € (+1,1 %)
- 2027: 161,6 Mrd. € (+5,9 %)
- 2028: 165,7 Mrd. € (+2,5 %)
- 2029: 171,4 Mrd. € (+3,4 %)
- 2030: 176,7 Mrd. € (+3,1 %)
- 2031: 185,0 Mrd. € (+4,7 %)
Insgesamt rechnen Bund, Länder und Gemeinden 2026 mit 997,9 Milliarden Euro – nahezu so viel wie im Mai. In den Folgejahren liegt das gesamtstaatliche Aufkommen im Schnitt um rund 11 Milliarden Euro pro Jahr über der Mai-Schätzung [1]. Zugrunde liegt die Herbstprojektion der Bundesregierung mit einem realen Wachstum von 1,3 Prozent in diesem und 1,1 Prozent im kommenden Jahr [1].
Wichtig für die Einordnung: Berücksichtigt sind nur Steuerrechtsänderungen, die bis Oktober 2026 in Kraft getreten sind [1]. Vorhaben, die noch im Gesetzgebungsverfahren stecken, fehlen in den Zahlen.
Woher das Plus kommt – und woher nicht
Anlage 2 der Steuerschätzung zerlegt die Abweichung zur Mai-Schätzung in Rechtsänderungen und reine Schätzabweichungen [3]. Für die Gemeinden ist das Ergebnis eindeutig: Das Plus ist fast vollständig eine Schätzabweichung, also das Ergebnis besserer gesamtwirtschaftlicher Annahmen und der Kasseneinnahmen bis September.
- 2026: +0,8 Mrd. €, davon Rechtsänderungen 0,0 Mrd. €
- 2027: +3,3 Mrd. €, davon Rechtsänderungen 0,1 Mrd. €
- 2028: +1,9 Mrd. €, davon Rechtsänderungen 0,1 Mrd. €
- 2029: +2,0 Mrd. €, davon Rechtsänderungen 0,1 Mrd. €
- 2030: +1,8 Mrd. €, davon Rechtsänderungen 0,1 Mrd. €
Das hat eine unbequeme Folge. Eine Schätzabweichung ist so belastbar wie die Konjunkturannahme, auf der sie beruht. Das Ministerium selbst weist darauf hin, dass die unerwartet kräftige Exportentwicklung nicht unmittelbar im Steueraufkommen ankommt und sich die Aufwärtsrevision vor allem bei Unternehmens- und Vermögenseinkommen zeigt – deren kurzfristiger Zusammenhang mit den gewinnabhängigen Steuern sei „weniger stark ausgeprägt“ [1]. Genau dort liegt die Gewerbesteuer. Zugleich lag die veranlagte Einkommensteuer bis September unter den Mai-Erwartungen, und der Arbeitsmarkt stellt sich in der Herbstprojektion schlechter dar als im Frühjahr [1].
Gewerbesteuer: 2026 noch im Minus
Nach Angaben des Deutschen Städtetages erwartet der Arbeitskreis für die Gewerbesteuer 2026 ein Aufkommen von 74,9 Milliarden Euro, ein Rückgang um 2,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr. 2027 soll sie auf 78,4 Milliarden Euro steigen [4]. Im Mai hatte der Städtetag für 2026 noch 74,0 Milliarden Euro (−3,3 Prozent) und für 2027 75,4 Milliarden Euro genannt [5]. Für 2027 ist die Erwartung damit um rund 3 Milliarden Euro gestiegen – das ist fast das gesamte kommunale Plus dieses Jahres.
Für die Haushaltsplanung heißt das: Die Erholung 2027 ist im Kern eine Gewerbesteuer-Wette auf die Konjunktur. Wie stark der Rückgang einzelne Städte trifft, zeigt unsere Übersicht zum Gewerbesteuer-Einbruch 2026.
Der Vergleich, der in den Kämmereien zählt
Die Mai-Schätzung hatte die Erwartungen für die Gemeinden kräftig gesenkt; der Städtetag bezifferte die Korrektur auf rund 3 Prozent oder etwa 25 Milliarden Euro über den Schätzzeitraum [5]. Legt man die veröffentlichten Gemeindewerte der Herbstschätzung 2025 [6] neben die aktuellen [2], ergibt sich folgende Lücke (eigene Berechnung aus den gerundeten Tabellenwerten):
- 2026: 152,6 statt 156,2 Mrd. € – −3,6 Mrd. €
- 2027: 161,6 statt 163,0 Mrd. € – −1,4 Mrd. €
- 2028: 165,7 statt 168,6 Mrd. € – −2,9 Mrd. €
- 2029: 171,4 statt 174,5 Mrd. € – −3,1 Mrd. €
- 2030: 176,7 statt 180,4 Mrd. € – −3,7 Mrd. €
- Summe 2026–2030: −14,7 Mrd. € gegenüber der Schätzung vom Oktober 2025
- Zur Einordnung: Die Mai-Korrektur betrug für diese fünf Jahre rechnerisch −24,2 Mrd. €; der Herbst holt davon rund 9,8 Mrd. € zurück, also etwa 40 Prozent
Wer seinen Finanzplan auf den Orientierungsdaten vom Herbst 2025 aufgebaut und im Frühjahr nicht nachgesteuert hat, plant also weiterhin mit Einnahmen, die so nicht mehr erwartet werden. Bemerkenswert ist das Jahr 2027: Hier liegt die Lücke nur noch bei 1,4 Milliarden Euro. In den Jahren danach öffnet sie sich wieder.
Das Defizit bleibt – auch mit Mehreinnahmen
Selbst ein Plus von 5,9 Prozent im Jahr 2027 ändert wenig am Grundproblem. Das Statistische Bundesamt meldet für die Gemeinden und Gemeindeverbände im ersten Halbjahr 2026 ein Finanzierungsdefizit von 20,1 Milliarden Euro, auf dem Rekordniveau des Vorjahreszeitraums. Einnahmen (+3,0 Prozent auf 184,0 Milliarden Euro) und Ausgaben (+2,7 Prozent auf 204,1 Milliarden Euro) wuchsen nahezu gleichmäßig – die Lücke schließt sich also nicht. Die Steuereinnahmen stiegen nur um 0,9 Prozent, die Sachinvestitionen sanken um 4,5 Prozent [7]. Der Städtetag geht von einem jährlichen Rekorddefizit von rund 30 Milliarden Euro aus und erwartet, dass die kommunalen Ausgaben weiter schneller wachsen als die Steuereinnahmen [4].
Zur Größenordnung: Das gesamte Plus der Gemeinden gegenüber der Mai-Schätzung summiert sich für 2026 bis 2030 auf rund 9,8 Milliarden Euro – also auf etwa ein Drittel eines einzigen Jahresdefizits in der vom Städtetag genannten Höhe. Die strukturelle Lage beschreibt unsere Analyse zum kommunalen Rekorddefizit 2026.
Politisch richtet sich der Blick deshalb auf Bund und Länder. Der Städtetag verweist darauf, dass Bund und Länder zusammen für 2027 rund 7 Milliarden Euro mehr erwarten als im Mai, für 2028 und 2029 zusammen weitere 6,8 Milliarden Euro, und fordert, die Kommunen daraus zu entlasten [4]. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil sieht für 2027 dagegen insgesamt „keine neuen Spielräume“ und kündigt weitere Konsolidierung im Bundeshaushalt an [1]. Ob und wie viel bei den Kommunen ankommt, entscheidet sich damit vor allem in den Ländern – über Finanzausgleich und Verbundquoten.
Was Kämmereien jetzt tun sollten
- Regionalisierte Ergebnisse abwarten. Die Bundeszahlen sagen nichts über die einzelne Kommune. Maßgeblich sind die Orientierungsdaten und regionalisierten Ergebnisse, die die Länder in den kommenden Wochen vorlegen. Bis dahin keine Ansätze pauschal mit Bundesraten hochschreiben.
- Finanzplan gegen Herbst 2025 abgleichen. Wer die Mai-Korrektur nicht eingearbeitet hat, sollte Ansätze für 2027 bis 2030 gegen die neuen Werte prüfen. Die Lücke von 14,7 Milliarden Euro über fünf Jahre ist der bundesweite Maßstab.
- Gewerbesteuer 2027 vorsichtig ansetzen. Das Plus beruht fast vollständig auf Schätzabweichungen, nicht auf Rechtsänderungen. Ein zweites Szenario mit dem Niveau von 2026 gehört in jede Vorlage an den Rat.
- Eigene Kassenlage vor die Schätzung stellen. Vorauszahlungen, Erstattungen und Nachzahlungen der großen Steuerzahler sagen für die eigene Stadt mehr als jede gesamtstaatliche Rate.
- Nicht in Kraft getretene Reformen gesondert ausweisen. Geplante Steuerrechtsänderungen sind in der Schätzung nicht enthalten. Ihre möglichen Wirkungen auf den Gemeindeanteil an Einkommen- und Umsatzsteuer gehören als Risiko in die mittelfristige Planung.
- Mehrerträge nicht vorab verteilen. Ein besseres Jahr 2027 ist kein Spielraum für neue freiwillige Leistungen, solange der Ergebnisplan im Defizit bleibt – erst recht nicht unter einem Haushaltssicherungskonzept.
- Den Rat auf die Ausgabenseite lenken. Die Steuerschätzung entlastet kaum. Die Debatte über Sozial- und Personalausgaben, Standards und Konnexität bleibt der eigentliche Hebel.
Wie sich eine realistische Mittelfristplanung aufbauen lässt, beschreibt unser Beitrag Mittelfristige Finanzplanung in der Praxis.
Fazit
Die 171. Steuerschätzung ist für die Kommunen eine Atempause, keine Wende. Das Plus gegenüber dem Mai ist real, aber konjunkturgetrieben und konzentriert auf 2027. Gemessen an der Planung von vor einem Jahr fehlen den Gemeinden bis 2030 weiterhin 14,7 Milliarden Euro an erwarteten Steuereinnahmen – bei einem jährlichen Defizit, das der Städtetag auf rund 30 Milliarden Euro beziffert. Für die Haushalte 2027 gilt deshalb: konservativ planen, regionalisierte Daten abwarten und die Mehrerträge nicht verplanen, bevor sie in der Kasse sind.
Quellen
- Stabile Entwicklung 2026, insgesamt keine Spielräume in 2027 und weiterhin Konsolidierungsbedarf – Ergebnisse der 171. Steuerschätzung – Bundesministerium der Finanzen, Pressemitteilung Nr. 21/2026 – 22. Oktober 2026
- Ergebnis der 171. Sitzung des Arbeitskreises „Steuerschätzungen“ – Anlage 1 – Bundesministerium der Finanzen – 22. Oktober 2026
- Abweichungen des Ergebnisses der Steuerschätzung Oktober 2026 vom Ergebnis der Steuerschätzung Mai 2026 – Anlage 2 – Bundesministerium der Finanzen – 22. Oktober 2026
- Steuermehreinnahmen von Bund und Ländern sinnvoll nutzen: Kommunale Finanzkrise lindern – Deutscher Städtetag – 22. Oktober 2026
- Steuerschätzung zeigt Stagnation: Zuwächse kaum größer als Inflation – Deutscher Städtetag – 7. Mai 2026
- Ergebnis der 169. Sitzung des Arbeitskreises „Steuerschätzungen“ – Anlage 1 – Bundesministerium der Finanzen – Oktober 2025
- Öffentliches Finanzierungsdefizit im 1. Halbjahr 2026 bei 98,8 Milliarden Euro – Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 351 – 2. Oktober 2026