Der Streit erreicht die Kreistage
Im Herbst 2026 liegen die ersten Kreishaushalte für 2027 auf dem Tisch, und sie zeigen teils Sprünge von mehreren Punkten. Der Landkreis Göppingen schlägt eine Erhöhung um 6,9 Punkte auf 42,9 Prozent vor [1]. Der Rhein-Kreis Neuss rechnet mit 40,87 statt 35,87 Prozent [2]. Im Rhein-Sieg-Kreis wenden sich alle 19 Bürgermeisterinnen und Bürgermeister gegen die geplante Entwicklung [3][4], im Ennepe-Ruhr-Kreis erklären die neun Städte, das Benehmen zum Hebesatz nicht herstellen zu können [5].
Die Kreise haben wenig Alternativen: Sie können keine eigenen Steuern erheben, die Umlage ist ihre wichtigste Einnahmequelle [19], und ihre Rücklagen sind vielerorts verbraucht [13]. Landrat Markus Möller aus Göppingen fasst es so: „Ohne Rücklage und hochverschuldet bleibt uns nur die Kreisumlage als letztes Mittel.“ [1] Für die Gemeinden heißt das: Die Lücke des Kreises wird zur Lücke im eigenen Haushalt.
Die Fälle im Überblick
Die Übersicht zeigt belegte Fälle, keine Vollerhebung. Die Werte stammen aus Entwürfen, Eckdaten oder Prognosen, ein Beschluss für 2027 ist in keiner der Quellen genannt.
| Kreis | Land | Satz 2026 | Satz 2027 | Stand |
|---|---|---|---|---|
| Göppingen | BW | 36,0 % (rechnerisch) | 42,9 % | Entwurf, Beschluss geplant 18.12.2026 [1] |
| Rhein-Kreis Neuss | NRW | 35,87 % | 40,87 % | Eckdaten, Beschluss voraussichtlich 17.03.2027 [2] |
| Märkischer Kreis | NRW | 46,32 % | 51,205 % | Prognose vom März 2026 bei Wegfall des globalen Minderaufwands [6] |
| Ennepe-Ruhr-Kreis | NRW | 44,38 % (rechnerisch) | 45,68 % | Benehmensverfahren [5] |
| Böblingen | BW | keine Angabe | 36,9 % | Vorschlag des Landrats [7] |
| Rhein-Sieg-Kreis | NRW | keine Angabe | 33,95 % | Entwurf, zuvor 32,95 % geplant [4][8] |
| Ludwigsburg | BW | 33 % | 33 % | Entwurf, Beschluss im Dezember [9] |
| Rottweil | BW | 31,5 % | 31,5 % | Annahme im Entwurf [10] |
Der Kreis Mettmann ist in der Tabelle nicht aufgeführt, weil uns dort nur Beträge vorliegen: Die Umlage soll von 458 Mio. € auf knapp 525 Mio. € steigen, das sind rund 14,6 Prozent. Für Velbert bedeutet das rund 5,8 Mio. € mehr, für Heiligenhaus 2 Mio. €. In Wülfrath bleibt die Zahllast gleich, weil die maßgebende Finanzkraft der Stadt um 4,2 Mio. € gesunken ist [11].
Warum der Hebesatz allein wenig sagt
Die Umlage ist ein Anteil an der Steuerkraft. Steigt die Steuerkraft, steigt auch die Zahllast, selbst wenn der Satz gleich bleibt. Rottweil zeigt das exakt: Die Steuerkraftsumme wächst 2027 um 7,7 Prozent von rund 273 Mio. € auf rund 294 Mio. €. Bei unveränderten 31,5 Prozent fließen rund 92,7 Mio. € statt etwa 86 Mio. € an den Kreis, also 6,6 Mio. € mehr. Für dieselbe Summe wie 2026 hätte ein Satz von rund 29,2 Prozent gereicht. 14 der 21 Gemeinden zahlen mehr, Schramberg und Dietingen zahlen weniger, weil ihre Steuerkraft gesunken ist [10].
Ein stabiler Satz ist also keine stabile Belastung. Der Kreistagsbeschluss sagt erst zusammen mit den Umlagegrundlagen, was die einzelne Gemeinde trifft. In Rottweil bringt ein Punkt dem Kreis rund 2,9 Mio. € [10].
Woher die Mehrkosten kommen
Soziales und Landschaftsumlage. Im Rhein-Kreis Neuss liegen die Sozialaufwendungen einschließlich Landschaftsumlage bei rund 415,7 Mio. €, die Kreisumlage bringt rund 401,3 Mio. € – sie deckt diesen Block also nicht einmal nach der Erhöhung. Allein 2,8 der 5 Punkte gehen auf die Landschaftsumlage zurück, die nach aktueller Rechnung um rund 27,5 Mio. € auf etwa 194,5 Mio. € steigt [2]. Der LVR will seinen Satz von 16,40 auf 18,75 Prozent anheben [12]. Die Kreise zahlen die Landschaftsumlage und reichen sie über die Kreisumlage an die Gemeinden weiter.
Kliniken. Göppingen gleicht beim ALB FILS KLINIKUM 2027 rund 17,71 Mio. € des Defizits aus, für 2027 bis 2030 summieren sich die Defizite auf etwa 100,65 Mio. € [1]. Ludwigsburg setzt für den Verlustausgleich maximal 25 Mio. € an [9]. In Baden-Württemberg kalkulieren die Kreise 2026 mit 822 Mio. € Defizitausgleich für ihre Krankenhäuser [13].
Verbrauchte Reserven. 32 der 35 baden-württembergischen Landkreise können ihre Aufwendungen 2026 nicht mehr aus laufenden Erträgen decken. Bei 17 Mrd. € Aufwendungen bleiben 211 Mio. € Rücklagen, das sind 1,2 Prozent. Die Kreisumlage stieg im vierten Jahr in Folge, zuletzt im Landesschnitt um 1,14 Punkte, die Gemeinden zahlen 474 Mio. € mehr als im Vorjahr [13]. In Neuss ist die Ausgleichsrücklage von 52 Mio. € aus dem Jahr 2023 vollständig aufgebraucht [2], im Märkischen Kreis waren die Reserven schon für 2026 erschöpft [6].
Was bei den Gemeinden ankommt
Am deutlichsten wird der Konflikt im Rhein-Sieg-Kreis. Nach Radio Bonn soll die jährliche Umlage von 365 auf 495 Mio. € wachsen, bis 2030 wären das jährlich 130 Mio. € mehr [3][14]. Die SPD-Kreistagsfraktion nennt für 2028 einen Satz von 37,24 und für 2030 von 39,49 Prozent und beziffert die Mehrbelastung gegenüber den bisherigen Erwartungen auf rund 200 Mio. € bis 2030 [4]. Beide Angaben stammen aus unterschiedlichen Rechnungen und lassen sich nicht zusammenführen. Sankt Augustin rechnet mit 13 Mio. € zusätzlich pro Jahr, Einschnitte bei sozialen Leistungen brächten laut Bürgermeister nur 3 bis 4 Mio. € [14].
Rheinbach im selben Kreis zeigt die Folgewirkung. Die Kreisumlage der Stadt stieg von 12,1 Mio. € (2022) auf 16,3 Mio. € (2026). Der Bürgermeister schlägt im Entwurf eines Haushaltssicherungskonzepts vor, die Grundsteuer B von 787 auf 950 Prozent anzuheben. Rein über die Grundsteuer wären sofort mehr als 2.000 Prozent nötig [15]. Die Kreisumlage wird so zu einem Treiber der Grundsteuer-Runde 2027. Im Märkischen Kreis hätte die im März prognostizierte Erhöhung für Iserlohn rund 8 Mio. € pro Jahr bedeutet, der dortige Kämmerer sah das Sicherungskonzept in Gefahr [6]. Wer schon im Haushaltssicherungskonzept steht, kann eine solche Summe kaum auffangen.
Was das Benehmen leistet – und was nicht
In NRW regelt § 55 der Kreisordnung das Verfahren. Das Benehmen ist sechs Wochen vor Aufstellung des Entwurfs einzuleiten, die Stellungnahmen gehen mit dem Entwurf an den Kreistag, vor dem Beschluss erhalten die Gemeinden Gelegenheit zur Anhörung in öffentlicher Sitzung. Über Einwendungen entscheidet der Kreistag öffentlich und teilt das Ergebnis mit Begründung mit [16]. Ein Veto enthält die Vorschrift nicht. Der Wert liegt in der öffentlichen Begründungspflicht.
Das Bundesverwaltungsgericht zieht die Grenze im Verfassungsrecht: Der Kreis muss vor der Festlegung auch den Finanzbedarf der Gemeinden ermitteln und seine Entscheidung offenlegen, eine förmliche Anhörung folgt aus dem Grundgesetz nicht. Das Verfahren regelt das jeweilige Land. Verletzt ist das Selbstverwaltungsrecht, wenn die finanzielle Mindestausstattung unterschritten wird oder der Kreis seine Belange „einseitig und rücksichtslos“ bevorzugt [17].
Dass Klagen Erfolg haben können, zeigt ein Fall aus Sachsen-Anhalt: Das VG Halle gab 2021 der Gemeinde Schnaudertal gegen die Kreisumlage 2018 des Burgenlandkreises recht. Die Umlage überstieg den Bedarf des Jahres, und die Abwägung war nicht ergebnisoffen, weil der Kreistag über die Mittel schon verfügt hatte. Das Urteil war bei Veröffentlichung noch anfechtbar und stützt sich auf Landesrecht [18]. Auf einen Kreis ohne Überschuss lässt es sich nicht ohne Weiteres übertragen.
- Ennepe-Ruhr-Kreis: Plan für den Haushaltsausgleich binnen zehn Jahren, danach sinkender Hebesatz, Deckel für die Landschaftsumlage, mehr Transparenz bei Großprojekten, Personalkosten als Stellhebel [5]
- Rhein-Kreis Neuss: Die Bürgermeister verlangen einen globalen Minderaufwand von 2 statt 0,5 Prozent, Landrätin und Kämmerer wollen das prüfen [2]
- Rhein-Sieg-Kreis: sieben Forderungen an Landrat und Verwaltung, Überarbeitung des Haushalts ohne höhere Umlage [3]
- Kreis in der Vorleistung: Ludwigsburg hält den Satz mit den Sparprogrammen „(Re-)Set 2026“ und „(Re-)Set 2027“, das zweite bringt brutto 28,3 Mio. € [9]; Neuss hat eine Wiederbesetzungssperre bis Ende 2027 verhängt [2]
Was Kämmereien jetzt tun sollten
- In Punkten und Grundlagen rechnen. Satz mal eigene Umlagegrundlagen, je Szenario. Die Rottweiler Rechnung lässt sich auf jede Gemeinde übertragen.
- Den Finanzplan des Kreises lesen. Rhein-Sieg und Ennepe-Ruhr zeigen: Die Steigerung steckt oft in den Folgejahren. Die eigene mittelfristige Planung braucht diese Werte, nicht den Vorjahressatz.
- Die Stellungnahme mit Bedarf belegen. Der Kreis muss den Finanzbedarf der Gemeinden ermitteln. Eine Stellungnahme mit Defizit, Pflichtaufgaben und Rücklagenstand gibt ihm dafür Daten und macht die Abwägung überprüfbar.
- Sondereffekte trennen. Jugendamtsumlage, differenzierte Umlagen und Landschaftsumlage gesondert ausweisen. Im Rhein-Sieg-Kreis liegt die Jugendamtsumlage mit 34,60 Punkten erstmals über der allgemeinen Umlage [8].
- Gemeinsam und konkret auftreten. In Neuss haben die Hauptverwaltungsbeamten gemeinsam einen bezifferten Vorschlag gemacht, Landrätin und Kämmerer prüfen ihn [2]. Hebel wie Minderaufwand, Stellen und Großprojekte geben dem Kreistag etwas, worüber er entscheiden kann.
- Liquidität und Sperre vorbereiten. Wo der Kreis erst im Frühjahr beschließt, fehlt der Wert in der eigenen Satzung. Für diesen Fall hilft unser Überblick zur vorläufigen Haushaltsführung 2027. Manche Städte reagieren bereits, wie die Liste der Haushaltssperren mit Blick auf 2027 zeigt.
- Rechtsweg früh prüfen lassen. Fristen gegen den Umlagebescheid notieren und die Erfolgsaussichten nach Landesrecht juristisch klären, bevor der Beschluss fällt.
Quellen
- Landrat Möller: „Diese Dimensionen sind bitter“ – Landkreis Göppingen – 09.10.2026
- Kreishaushalt 2027: Steigende Landschaftsumlage, zunehmende Sozialausgaben und wachsende gesetzliche Pflichtaufgaben verschärfen finanziellen Druck – Rhein-Kreis Neuss – 14.10.2026
- Kreisumlage zu hoch – Städte und Gemeinden schlagen Alarm – Radio Bonn/Rhein-Sieg – 14.10.2026
- SPD-Kreistagsfraktion prüft Kreishaushalt 2027 – Rheinbacher Regionalportal – 27.10.2026
- Kreis-Städte geben dem Landrat Recht und tragen genau deshalb den Kreishaushalt nicht mit – Stadt Wetter (Ruhr) – 01.10.2026
- Schocknachricht per Video: Kreis kündigt massive Kreisumlagen-Erhöhung für 2027 an – LokalDirekt – 02.03.2026; Kreistag soll Rekord-Etat beschließen – LokalDirekt – 03.03.2026
- Kreis Böblingen plant höhere Kreisumlage trotz Sparpaket – SZ/BZ – 13.10.2026
- Auch in sehr herausfordernden Zeiten ein verlässlicher Partner – Grüne Kreistagsfraktion Rhein-Sieg – 02.09.2026
- Vom Rekordkredit zum Plus: Landkreis Ludwigsburg will 2027 ohne neue Schulden auskommen – Ludwigsburg24 – 24.10.2026
- Kreis Rottweil: Haushaltsloch belastet Gemeinden – NRWZ – zur Kreistagssitzung am 02.11.2026
- Velbert, Wülfrath, Heiligenhaus: Kreisumlage 2027 belastet Stadtfinanzen – Supertipp – 20.10.2026
- Was der Kreis den Kommunen zumutet – Neusser Tagblatt – 15.10.2026
- Kreisfinanzbericht 2026 zeichnet düsteres Bild – Landkreistag Baden-Württemberg – 16.07.2026
- Rhein-Sieg-Kreis: Hitzige Diskussionen um die Kreisumlage – Radio Bonn/Rhein-Sieg – 27.10.2026
- Rheinbach hält Maß: Bürgermeister schlägt 950 statt mehr als 2.000 Prozent Grundsteuer B vor – Rheinbacher Regionalportal – 30.10.2026
- § 55 Kreisordnung NRW – LexMea
- Bundesverwaltungsgericht, Urteil vom 29.05.2019, 10 C 6.18 – Landesanwaltschaft Bayern – 23.09.2019
- Kreisumlage des Burgenlandkreises 2018 rechtswidrig, Urteil vom 16.04.2021, 3 A 376/18 HAL – Verwaltungsgericht Halle – 16.04.2021
- Die Kreisumlage wird in vielen Landkreisen 2026 erneut steigen – KOMMUNAL – 27.11.2025, aktualisiert 09.12.2025