Der Abwärtstrend ist vorbei
Kassenkredite – je nach Land auch Liquiditätskredite genannt – sind das Konto, auf dem sich die Defizite der laufenden Verwaltung sammeln. Über Jahre ging ihr Bestand zurück, getragen von Landesprogrammen und guten Steuerjahren. Seit 2024 dreht sich das Bild. Nach dem Statistischen Bericht des Statistischen Bundesamtes zu den Schulden des Öffentlichen Gesamthaushalts lagen die Kassenkredite der Gemeinden und Gemeindeverbände beim nicht-öffentlichen Bereich Ende 2025 bei 37,4 Milliarden Euro [1]. Das sind 7,1 Milliarden Euro oder 23,3 Prozent mehr als Ende 2024 mit 30,4 Milliarden Euro (eigene Rechnung aus [1]).
Der Tiefpunkt lag Ende 2023 bei 28,1 Milliarden Euro. Der höchste Stand der seit 2010 ausgewiesenen Reihe wurde Ende 2014 mit 48,0 Milliarden Euro erreicht [1]. Zwei Jahre Anstieg haben damit fast die Hälfte des Abstands zu diesem Höchststand wieder aufgebaut.
Die Gesamtverschuldung der Kommunen wuchs 2025 nach Angaben des Bundesamtes um 15,4 Prozent auf 197,0 Milliarden Euro, im sechsten Jahr in Folge [2]. Der Anteil der Kassenkredite daran stieg auf 19,0 Prozent (eigene Rechnung aus [1]). Hinter dem Anstieg steht das Defizit: 2025 wiesen die Kommunen ein Finanzierungsdefizit von 31,9 Milliarden Euro aus [3], im ersten Halbjahr 2026 kamen weitere 20,1 Milliarden Euro hinzu – so viel wie im Vorjahreszeitraum und ein Rekordniveau für eine erste Jahreshälfte [4].
Die Länder im Vergleich
Die Kassenkredite sind extrem ungleich verteilt. Die folgende Übersicht zeigt den Bestand der Gemeinden und Gemeindeverbände je Flächenland Ende 2025 und je Einwohner. Die Werte je Einwohner sind eine eigene Rechnung: Die Einwohnerzahl wurde aus den Schulden und der Pro-Kopf-Verschuldung derselben Destatis-Tabelle abgeleitet [1]. Die Stadtstaaten weist die Statistik auf kommunaler Ebene nicht aus.
| Land | Kassenkredite Ende 2025 | je Einwohner | Veränderung zu 2024 |
|---|---|---|---|
| Nordrhein-Westfalen | 23.974 Mio. € | 1.331 € | +15,2 % |
| Rheinland-Pfalz | 2.858 Mio. € | 693 € | +25,6 % |
| Sachsen-Anhalt | 1.417 Mio. € | 667 € | +7,8 % |
| Saarland | 547 Mio. € | 542 € | −19,7 % |
| Niedersachsen | 2.857 Mio. € | 357 € | +66,3 % |
| Schleswig-Holstein | 787 Mio. € | 266 € | +64,2 % |
| Sachsen | 892 Mio. € | 222 € | +137,7 % |
| Mecklenburg-Vorpommern | 250 Mio. € | 159 € | +11,3 % |
| Baden-Württemberg | 1.740 Mio. € | 155 € | +61,6 % |
| Hessen | 689 Mio. € | 110 € | +99,5 % |
| Bayern | 1.198 Mio. € | 90 € | +25,1 % |
| Brandenburg | 164 Mio. € | 64 € | +180,0 % |
| Thüringen | 35 Mio. € | 17 € | nahezu unverändert |
| Flächenländer gesamt | 37.409 Mio. € | 484 € | +23,3 % |
Quelle: Statistisches Bundesamt, Tabelle 71321-05 [1]; Werte je Einwohner und Veränderungsraten eigene Rechnung.
Drei Befunde stechen heraus:
- Nordrhein-Westfalen dominiert. 64,1 Prozent aller kommunalen Kassenkredite entfallen auf NRW (eigene Rechnung aus [1]). Je Einwohner liegt das Land fast doppelt so hoch wie Rheinland-Pfalz auf Rang zwei.
- Der Anstieg ist breit. In elf von 13 Flächenländern stiegen die Kassenkredite 2025. Nur im Saarland sanken sie, in Thüringen blieben sie nahezu gleich [1].
- Die Dynamik kommt aus Ländern mit niedrigem Bestand. Sachsen hat seinen Bestand mehr als verdoppelt, Niedersachsen, Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein legten um mehr als 60 Prozent zu, Hessen verdoppelte sich nahezu [1]. Das Problem ist nicht mehr auf wenige Länder begrenzt.
Wo die eigene Kommune steht, zeigt die Auswertung Wer kippt 2027? mit Kassenkrediten je Einwohner für jede Gemeinde und ihrem Platz im Land.
Was Entschuldungsprogramme bewirkt haben
Die Zeitreihe zeigt deutlich, wie stark Landesprogramme den Bestand verändern. Wichtig für die Einordnung: Die Statistik erfasst Kassenkredite beim nicht-öffentlichen Bereich. Übernimmt ein Land die Kredite, fallen sie aus der kommunalen Zeile heraus [1].
- Hessen: Die Kassenkredite der hessischen Kommunen sanken von 5,6 Milliarden Euro Ende 2017 auf 0,4 Milliarden Euro Ende 2018 [1]. In diese Zeit fällt die Hessenkasse: Die Ablösung von Kassenkrediten in Höhe von rund 4,9 Milliarden Euro erfolgte in der zweiten Jahreshälfte 2018 in zwei Tranchen; die entlasteten Kommunen leisten Beiträge von 25 Euro je Einwohner [5]. Seitdem ist der Bestand wieder auf 0,7 Milliarden Euro gestiegen [1].
- Rheinland-Pfalz: Der Bestand halbierte sich von 4,6 Milliarden Euro Ende 2023 auf 2,3 Milliarden Euro Ende 2024 [1]. Grundlage ist das Landesgesetz über die Partnerschaft zur Entschuldung der Kommunen (PEK-RP), das Kommunen mit hoher Liquiditätskreditverschuldung von Schulden im Gesamtvolumen von 3 Milliarden Euro befreit [6]. 2025 stieg der Bestand bereits wieder um 0,6 Milliarden Euro [1].
- Nordrhein-Westfalen: Das Land hat nach dem Altschuldenentlastungsgesetz fast neun Milliarden Euro Kreditschulden von 167 Städten und Gemeinden übernommen, 50 Prozent der übermäßigen Liquiditätskredite zum Stichtag 31. Dezember 2023; die Umsetzung meldete die Landesregierung am 10. September 2026 als abgeschlossen [7]. In den Zahlen zum Jahresende 2025 ist diese Übernahme noch nicht enthalten. Sie wird erst in der Statistik zum Jahresende 2026 sichtbar.
Die Erfahrung aus Hessen und Rheinland-Pfalz ist eindeutig: Eine Entschuldung senkt den Bestand einmalig. Ob er niedrig bleibt, entscheidet sich am laufenden Haushaltsausgleich. Die Hintergründe beschreibt unser Beitrag Kassenkredite als Normalzustand.
- Bestand Ende 2025: 37,4 Mrd. €, davon 36,5 Mrd. € in den Kernhaushalten [1]
- Veränderung: +7,1 Mrd. € (+23,3 %) gegenüber Ende 2024, zweites Anstiegsjahr in Folge [1]
- Höchststand der Reihe: 48,0 Mrd. € Ende 2014 [1]
- Anteil NRW: 64,1 % des Bestands, 1.331 € je Einwohner (eigene Rechnung) [1]
- Defizit: 31,9 Mrd. € im Jahr 2025, 20,1 Mrd. € im 1. Halbjahr 2026 [3][4]
- Zinsausgaben: +13,1 % auf 2,4 Mrd. € im 1. Halbjahr 2026 [4]
Warum der Anstieg die Haushalte doppelt trifft
Kassenkredite sind rechtlich als Überbrückung gedacht. In Bayern etwa darf die Gemeinde sie zur rechtzeitigen Leistung ihrer Auszahlungen bis zu dem in der Haushaltssatzung festgesetzten Höchstbetrag aufnehmen, soweit keine anderen Mittel zur Verfügung stehen; der Höchstbetrag soll in der Regel ein Fünftel der Einzahlungen aus laufender Verwaltungstätigkeit nicht übersteigen (Art. 73 GO) [8]. Die Gemeindeordnungen der übrigen Länder enthalten eigene Regeln dazu. Wächst der Bestand Jahr für Jahr, finanzieren die Kredite tatsächlich laufende Defizite.
Damit steigt das Zinsrisiko, denn kurzfristige Kredite folgen dem aktuellen Zinsniveau schnell. Die Zinsausgaben der Kommunen stiegen im ersten Halbjahr 2026 um 13,1 Prozent auf 2,4 Milliarden Euro [4]. Wie sich das in den Haushalten niederschlägt, zeigt unser Beitrag zu den Zinsausgaben der Kommunen 2026.
Was Kämmereien jetzt tun sollten
- Bestand und Höchstbetrag gegenüberstellen. Den tatsächlichen Kassenkreditbestand zu jedem Monatsende neben den Höchstbetrag der Haushaltssatzung legen und die Auslastung im Finanzausschuss berichten.
- Liquiditätsplanung auf zwölf Monate rollieren. Gewerbesteuer-Vorauszahlungen, Umlagen und Personalauszahlungen monatsgenau planen; nur so lässt sich der Kreditbedarf glätten.
- Zinsbindung prüfen. Für den Sockel, der erkennbar nicht kurzfristig abgebaut werden kann, Laufzeiten und Zinssicherung mit der Aufsicht abstimmen, statt dauerhaft im Tagesgeld zu bleiben.
- Konzernliquidität nutzen. Freie Mittel von Eigenbetrieben und Beteiligungen über ein Cash-Pooling einbinden, wo das Landesrecht es zulässt – siehe Cash-Pooling im Konzern Kommune.
- Entschuldungsbedingungen einhalten. Wer an einem Landesprogramm teilnimmt, sollte die Auflagen zum Haushaltsausgleich eng verfolgen. Der Wiederanstieg in Hessen und Rheinland-Pfalz zeigt, wie schnell neue Kassenkredite entstehen.
- Strukturelles Defizit benennen. Im Vorbericht zum Haushalt ausweisen, welcher Teil der Kassenkredite laufende Defizite finanziert. Das schafft die Grundlage für Konsolidierungsbeschlüsse.
Der Anstieg 2025 ist kein Ausreißer einzelner Städte, sondern ein breites Signal. In NRW dürfte die Landesübernahme die Zahlen zum Jahresende 2026 deutlich senken – entscheidend ist, ob der Bestand danach dauerhaft niedrig bleibt.
Quellen
- Statistischer Bericht – Schulden des Öffentlichen Gesamthaushalts 2025, Tabelle 71321-05 – Statistisches Bundesamt – 2026
- Pro-Kopf-Verschuldung steigt im Jahr 2025 auf 31 887 Euro – Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 267 – 29.07.2026
- Kommunen verzeichnen im Jahr 2025 neues Rekorddefizit von 31,9 Milliarden Euro – Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 114 – 01.04.2026
- Kommunales Finanzierungsdefizit im 1. Halbjahr 2026 erneut bei 20,1 Milliarden Euro – Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 349 – 01.10.2026
- Gutachten zum HessenkasseG und zur Vereinbarkeit mit der Schuldenbremse – Hessisches Ministerium der Finanzen – Februar 2019
- Landtag verabschiedet Gesetz zur Teilentschuldung der Kommunen – Ministerium der Finanzen und Ministerium des Innern Rheinland-Pfalz – 25.01.2023
- Fast neun Milliarden Euro Altschulden übernommen: Landesregierung entlastet 167 Kommunen – Landesregierung Nordrhein-Westfalen – 10.09.2026
- Art. 73 Gemeindeordnung für den Freistaat Bayern – BAYERN.RECHT