Die Schuldenzahl, die das ganze Bild zeigt
Wer die Verschuldung einer Kommune beurteilt, schaut meist auf den Kernhaushalt. Diese Zahl ist bequem, aber sie hängt davon ab, wie viele Aufgaben eine Stadt in Eigenbetriebe, Stadtwerke, Wohnungs- und Verkehrsgesellschaften ausgelagert hat. Die Statistischen Ämter des Bundes und der Länder rechnen deshalb jedes Jahr ein zweites Bild: die integrierten kommunalen Schulden. Dabei werden den Kommunen auch die Schulden ihrer Extrahaushalte und ihrer Fonds, Einrichtungen und Unternehmen „bis in tiefe Beteiligungsstufen“ zugeordnet – jeweils nach dem durchgerechneten Beteiligungsanteil [1].
Das Ergebnis für Ende 2025, veröffentlicht am 29. Oktober 2026: 378,9 Milliarden Euro Schulden beim nicht-öffentlichen Bereich, 4.907 Euro je Einwohner, ein Anstieg um 9,9 Prozent gegenüber dem Jahresanfang. Im Vorjahr waren es 6,3 Prozent [1]. Zum Vergleich: Die Schuldenstatistik für Kern- und Extrahaushalte allein weist für die Kommunen Ende 2025 197,0 Milliarden Euro aus [2]. Fast genau so viel kommt im Konzern Kommune noch einmal hinzu – auch wenn beide Rechnungen außerhalb der Kernhaushalte nicht vollständig deckungsgleich abgrenzen [1].
Wo die Schulden liegen
Der Tabellenband zur Modellrechnung zerlegt die Summe in drei Teile [3]:
- Kernhaushalte: 164,9 Mrd. € (43,5 %), plus 15,5 % im Jahr 2025
- Extrahaushalte (anteilig): 31,4 Mrd. € (8,3 %), plus 14,7 %
- Sonstige Fonds, Einrichtungen und Unternehmen (anteilig): 182,6 Mrd. € (48,2 %), plus 4,5 %
Die Anteile sind eigene Rechnung aus [3]. Zwei Befunde stecken darin. Erstens liegt der größte Block nicht im Haushalt, über den der Rat jedes Jahr beschließt, sondern in den Beteiligungen. Zweitens kommt der Anstieg 2025 vor allem aus den Kernhaushalten. Das Bundesamt führt ihn ausdrücklich auf den deutlichen Schuldenaufbau der Kern- und Extrahaushalte zurück, die 2025 im zweiten Jahr in Folge ein Rekorddefizit auswiesen [1]. Rechnet man die Veränderungsraten auf die Anfangsbestände zurück, entfallen von rund 34 Mrd. € Zuwachs etwa 22 Mrd. € auf die Kernhaushalte, 4 Mrd. € auf die Extrahaushalte und 8 Mrd. € auf die Unternehmen (eigene Näherungsrechnung aus [3]).
Damit wächst die Verschuldung vor allem dort, wo der laufende Betrieb der Verwaltung finanziert wird – und nicht in den Gesellschaften, die mit Netzen, Wohnungen oder Verkehr eigene Erlöse erzielen. Wie stark die Kassenkredite dabei zulegen, zeigt unsere Auswertung zu den Kassenkrediten der Kommunen 2025.
Die Länder: Die Rangfolge dreht sich
Nach Kernhaushalten allein liegen die Kommunen in Nordrhein-Westfalen mit 3.418 Euro je Einwohner weit vorn, die baden-württembergischen Kommunen kommen nur auf 1.010 Euro. In der integrierten Rechnung sieht das anders aus [3]:
| Land | Integrierte Schulden je Einw. | davon Kernhaushalt je Einw. | Anteil Unternehmen | Veränderung 2025 |
|---|---|---|---|---|
| Hessen | 6.763 € | 2.805 € | 51,1 % | +7,4 % |
| Saarland | 6.408 € | 2.514 € | 54,8 % | +2,3 % |
| Nordrhein-Westfalen | 5.810 € | 3.418 € | 30,1 % | +9,8 % |
| Niedersachsen | 5.180 € | 2.703 € | 42,8 % | +13,3 % |
| Baden-Württemberg | 5.019 € | 1.010 € | 68,1 % | +13,1 % |
| Mecklenburg-Vorpommern | 4.797 € | 1.253 € | 66,9 % | +5,0 % |
| Rheinland-Pfalz | 4.633 € | 2.528 € | 41,7 % | +8,3 % |
| Sachsen-Anhalt | 4.439 € | 1.675 € | 58,3 % | +5,9 % |
| Schleswig-Holstein | 4.166 € | 1.909 € | 43,3 % | +11,5 % |
| Bayern | 3.851 € | 1.718 € | 50,1 % | +11,1 % |
| Thüringen | 3.692 € | 492 € | 77,2 % | +2,9 % |
| Sachsen | 3.338 € | 872 € | 68,1 % | +7,9 % |
| Brandenburg | 2.733 € | 524 € | 74,8 % | +5,5 % |
| Flächenländer | 4.907 € | 2.136 € | 48,2 % | +9,9 % |
Quelle: Tabellenband der Statistischen Ämter [3]; „Anteil Unternehmen“ = anteilige Schulden der sonstigen Fonds, Einrichtungen und Unternehmen an den integrierten Schulden, eigene Rechnung.
Baden-Württemberg springt damit vom viertniedrigsten Wert im Kernhaushalt auf einen Platz über dem Bundesdurchschnitt. Mehr als zwei Drittel der integrierten Schulden liegen dort in Beteiligungen. In Nordrhein-Westfalen ist es umgekehrt: Dort trägt der Kernhaushalt fast 59 Prozent, nur 30 Prozent liegen in Unternehmen. Hessen hat seine Spitzenposition ausgebaut und den Abstand zum Saarland vergrößert, das Ende 2023 noch die höchste Pro-Kopf-Verschuldung aufwies [1]. Im Saarland und in Rheinland-Pfalz spielen Landesprogramme hinein: Über den Saarlandpakt übernahm das Land weiter Kassenkredite, in Rheinland-Pfalz lief die Übernahme über das Programm PEK-RP 2025 nur noch mit geringem Volumen [1].
Die Großstädte: Schuldenfrei ist nicht gleich schuldenfrei
Auf Ebene der einzelnen Städte werden die Unterschiede noch deutlicher. Einige Beispiele aus dem Tabellenband [3]:
- Frankfurt am Main: 10,0 Mrd. € integrierte Schulden, 13.244 € je Einwohner – der höchste Wert unter den Städten mit mehr als 200.000 Einwohnern. 6,8 Mrd. € davon entfallen auf Fonds, Einrichtungen und Unternehmen, rund 3,5 Mrd. € davon auf Einheiten, an denen die Stadt durchgerechnet mit weniger als 50 Prozent beteiligt ist.
- München: mit 13,8 Mrd. € der größte absolute Wert, plus 18,4 Prozent. Der Kernhaushalt wuchs um 35,6 Prozent auf 7,4 Mrd. €.
- Stuttgart: Kernhaushalt ohne Schulden beim nicht-öffentlichen Bereich, integriert dennoch 2,1 Mrd. € oder 3.463 € je Einwohner, davon 1,5 Mrd. € in Unternehmen.
- Dresden: ebenfalls ohne Kernhaushaltsschulden, integriert 1,6 Mrd. € oder 2.883 € je Einwohner; 81 Prozent liegen in Unternehmen.
- Oberhausen: 10.955 € je Einwohner, davon 2,2 Mrd. € im Kernhaushalt – die Unternehmen tragen hier nur 2,5 Prozent.
- Düsseldorf: mit plus 21,3 Prozent der stärkste Anstieg unter den großen Städten; der Kernhaushalt hat sich mit plus 116,7 Prozent auf 1,2 Mrd. € mehr als verdoppelt.
Die Beispiele zeigen zwei grundverschiedene Muster. In Stuttgart, Dresden oder Frankfurt liegt der größere Teil der Schulden in ausgegliederten Einheiten. Solche Gesellschaften – typischerweise Versorgung, Wohnen, Verkehr – bedienen ihre Kredite zumindest teilweise aus eigenen Erlösen. In Oberhausen liegt fast alles im Kernhaushalt; Zins und Tilgung müssen dort aus dem Haushalt selbst kommen. Beides ist Verschuldung, aber mit unterschiedlicher Tragfähigkeit – und die Statistik allein sagt nicht, welche Gesellschaft tatsächlich kostendeckend arbeitet.
Was die Zahl kann – und wo ihre Grenzen liegen
Das Bundesamt weist selbst auf drei Grenzen hin [1][3]:
- Die Modellrechnung sagt nichts über Haftung. Welche Schulden eine Kommune im Ernstfall tatsächlich tragen müsste, lässt sich daraus nicht ablesen.
- Ein Abgleich mit dem Vermögen ist nicht möglich, weil für den Großteil der Beteiligungen keine Vermögensangaben vorliegen. Ein kreditfinanziertes Netz mit regulierter Rendite erscheint in der Statistik ebenso als Schuld wie ein Kredit für einen Verlustausgleich.
- Vergleiche unterhalb der Kreisebene sind nur innerhalb eines Landes sinnvoll, weil Aufgabenverteilung und Kommunalverfassung zwischen den Ländern abweichen.
Gerade deshalb ist die Zahl für die Kämmerei wertvoll: Sie macht Ausgliederungsentscheidungen vergleichbar und zeigt, wo das Fremdkapital des Konzerns tatsächlich sitzt. Für die Steuerung braucht sie die Ergänzung aus dem eigenen Haus – Beteiligungsbericht, Wirtschaftspläne, Bürgschaftsverzeichnis.
- Gesamt: 378,9 Mrd. €, 4.907 € je Einwohner, plus 9,9 % [1]
- Kernhaushalte: 164,9 Mrd. €, plus 15,5 % [3]
- Extrahaushalte: 31,4 Mrd. €, plus 14,7 % [3]
- Fonds, Einrichtungen, Unternehmen: 182,6 Mrd. €, plus 4,5 % [3]
- Höchster Länderwert: Hessen 6.763 € je Einwohner; niedrigster: Brandenburg 2.733 € [1]
- Stärkster Anstieg: Niedersachsen plus 13,3 %, Baden-Württemberg plus 13,1 % [1]
Was Kämmereien jetzt tun sollten
- Den eigenen Wert abrufen. Der Tabellenband enthält jede Gemeinde und jeden Gemeindeverband mit Kernhaushalt, Extrahaushalten und Unternehmen getrennt [3]. Die eigene Zeile gehört in den nächsten Vorbericht zum Haushalt.
- Die Struktur erklären, nicht nur die Summe. Für Rat und Öffentlichkeit zählt, ob Schulden in erlösstarken Netzgesellschaften oder im Kernhaushalt liegen. Der Anteil der Unternehmen ist dafür die erste Kennzahl.
- Mit Vergleichsstädten im eigenen Land arbeiten. Das Bundesamt empfiehlt Vergleiche unterhalb der Kreisebene nur innerhalb eines Landes [3]. Drei bis fünf vergleichbare Kommunen im selben Land ergeben ein belastbares Bild.
- Den Beteiligungsbericht anschließen. Die Statistik liefert die Schulden, der Beteiligungsbericht die Ergebnisse, Gewinnabführungen und Verlustübernahmen. Was die Gemeindeordnungen dafür verlangen, zeigt unser Ländervergleich zum Beteiligungsbericht.
- Bürgschaften und Patronate daneben legen. Haftung bildet die Modellrechnung nicht ab; das eigene Verzeichnis der Bürgschaften und Patronatserklärungen schließt diese Lücke. Hintergründe in unserem Beitrag zu Bürgschaft und Patronatserklärung.
- Den Kernhaushalt gesondert beobachten. Der Zuwachs 2025 kommt überwiegend aus den Kernhaushalten. Wer dort wachsende Kassenkredite sieht, hat ein Signal für den laufenden Ausgleich, nicht für Investitionen.
- Investitionsbedarf der Unternehmen früh einplanen. Wärmenetze, Stromnetze und Wohnungsbau werden die Beteiligungsschulden weiter erhöhen. Wie Stadtwerke den Eigenkapitalbedarf decken können, beschreibt unser Beitrag zum Eigenkapital für Stadtwerke bis 2035.
Einen Überblick über kommunale Unternehmen mit offenen Stellen bietet unser Verzeichnis kommunaler Unternehmen.
Quellen
- Integrierte kommunale Schulden steigen im Jahr 2025 um 9,9 % – Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 378 – 29.10.2026
- Pro-Kopf-Verschuldung steigt im Jahr 2025 auf 31 887 Euro – Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 267 – 29.07.2026
- Integrierte Schulden der Gemeinden und Gemeindeverbände, Stand 31.12.2025 – Tabellenband – Statistische Ämter des Bundes und der Länder – 29.10.2026